Ein Bentley ist komfortabler, langlebiger und schneller als ein Opel-Kleinwagen. Der einzige Nachteil des britischen Nobelautos ist der dreißigmal höhere Preis." Ben A. van Hout, Ökonom aus Rotterdam, wollte die Mediziner, die sich kürzlich zum Symposium über Primärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Wien trafen, provozieren. Bentley steht für einen großen Teil präventiver Maßnahmen, die Langlebigkeit garantieren sollen: Risikopersonen schlucken zur Vorbeugung einer Herzattacke jahrelang teure Lipidsenker oder andere Medikamente. Wie lange können wir uns das leisten?

Ökonomisch betrachtet ist die präventive Medikation bei Herzleiden fragwürdig. Vorbeugung scheint zwar zunächst das einzig Richtige zu sein, um länger zu leben, weniger krank zu werden und Kosten zu sparen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen rangieren in den Industrieländern an erster Stelle der Todesursachen. Doch Millionen Gefährdeter müßten prophylaktisch teure Medikamente konsumieren. Die Kosten würden wahrscheinlich insgesamt höher als ohne medikamentöse Prävention, meint Ben A. van Hout. "Wir müssen entscheiden, ob wir uns einen Bentley leisten können. Rein wirtschaftlich gesehen ist ein toter Mensch günstiger als eine aufwendige Therapie während der Restlebenszeit."

Bewußt hält sich der niederländische Ökonom aus ethischen Fragen heraus. Er will nur Daten liefern über Kosten und Nutzen einer medizinischen Intervention.

Eine neue Medikamentengruppe, die Statine (Lipidsenker), illustriert die Ambivalenz von präventiv-medizinisch Nützlichem gegenüber ökonomisch Vertretbarem. Statine senken den Cholesterinspiegel und können so das Fortschreiten der Arteriosklerose hemmen. Vor kurzem stellte sich heraus, daß die fettlöslichen Mittel der Substanzgruppe auch die Herstellung der sogenannten Mevalonsäure und ihrer Folgeprodukte blockieren. Die sind einerseits mitverantwortlich für die Bildung von Plaques an den Arterien. Zum anderen fördern sie die Wucherung der glatten Muskelzellen der Arterien und bewirken so eine Verengung der Gefäße. Und schließlich sind die Folgeprodukte der Mevalonsäure an der Synthese einer thrombosefördernden Substanz beteiligt.

Statine senken in der Primärprävention, also bei jenen Personen, die noch keine Herzerkrankung, aber Risikofaktoren vorweisen, die Mortalitätsrate um etwa dreißig Prozent. Eine Monatspackung kostet etwa 450 Mark. Da aber rund vierzig Prozent der Menschen mittleren Lebensalters zu den Risikopersonen zählen, wären die Kosten einer generellen Prophylaxe kaum bezahlbar: Statine der Bentley unter den Kardioprotektiva. Kardiologen verordnen das teure Mittel daher nur Patienten, die zusätzliche Risikofaktoren haben, zum Beispiel Rauchern und Personen mit Bluthochdruck, Diabetes oder bei bestimmten erblichen Leiden.

Billiger ist da die morgendliche Aspirin-Tablette zur Verhütung eines Herzinfarkts. Acetylsalicylsäure wurde zunächst als Schmerz- und Fiebermittel unter dem Namen Aspirin bekannt. Erst in den sechziger Jahren erkannte man, daß sie die Verklumpung der Blutplättchen mindert. Als sogenannter Thrombozytenaggregationshemmer trat das Medikament seither seinen Siegeszug in der Herzinfarktprophylaxe an. Heute ist die schützende Wirkung für Personen, die bereits an einer Verengung des Herzkranzgefäße leiden, erwiesen. Von ihnen sterben knapp zwanzig Prozent weniger den Herztod, wenn sie Aspirin einnehmen, bei monatlichen Kosten von etwa fünf Mark.

Nun soll Acetylsalicylsäure aber auch jenen helfen, die zwar noch keinen Herzinfarkt erlitten haben, aber älter als fünfzig Jahre sind und mindestens einen Risikofaktor für eine koronare Herzkrankheit vorweisen: ein Beitrag gegen die Kostenspirale in der Medizin.