Am Dax kommt keiner vorbei. Morgens in der Zeitung, mittags im Radio und abends in den Spätnachrichten des Fernsehens: Die Bürger werden ständig über den neuesten Stand des Deutschen Aktienindex (Dax) unterrichtet. Dabei gibt es in Deutschland kaum so viele Aktionäre, daß sie bei einer Bundestagswahl die Fünfprozenthürde schaffen würden.

Aber vielleicht findet es ja auch der eine oder andere Nichtbörsianer interessant, was sich am deutschen Aktienmarkt tut. Schließlich sagt die Kursentwicklung bisweilen auch etwas über den Zustand der Gesamtwirtschaft aus. Die Frage ist nur, ob diese Interessenten mit dem Deutschen Aktienindex wirklich gut bedient sind. Denn gerade der Dax gibt das wirkliche Geschehen auf dem Parkett nur sehr verzerrt wieder. Manche behaupten sogar, den Vätern des Dax sei es weniger um Information als um Propaganda gegangen.

Der Vorwurf ist gar nicht so abwegig. Bevor der Dax vor acht Jahren als offizielles Börsenbarometer proklamiert wurde, galt der FAZ-Index als die wichtigste Meßlatte. Wie in New York, Tokio und London oblag es damit auch in Frankfurt relativ unabhängigen Wirtschaftsjournalisten, den täglichen Börsentrend zu ermitteln. Doch der FAZ-Index war mancher Bank, vorneweg der Deutschen, viel zu träge. Deshalb sann man über einen Index nach, der stärker und schneller in die Höhe ging. Ein Aktienindex mit eingebautem Anstiegsmechanismus wurde erfunden: der Dax.

Der Dax steigt automatisch, selbst wenn sich die Aktienkurse nicht von der Stelle rühren. Der Trick besteht darin, die jährlichen Dividendenabschläge auf die Kurse einfach zu ignorieren. Dadurch schneidet der Dax jährlich um rund drei Prozentpunkte besser ab als die wirklichen Kurse. Gleichzeitig wurden nur die dreißig größten Konzerne in den Dax aufgenommen, Musterbetriebe des Westens sozusagen. Und auch die wurden so gewichtet, daß im Grunde die stärksten, darunter die Allianz, Siemens und die Deutsche Bank, die Richtung des Dax fast allein bestimmen.

Der FAZ-Index hingegen umfaßt hundert Firmen, und zwar aus allen Branchen. Ferner berücksichtigt die FAZ ganz fair die Dividendenabschläge.

So ergeben sich Werte, die bei weitem nicht an die Vorzeigezahlen des Dax heranreichen. Dennoch will heute kaum noch jemand etwas von dem viel korrekteren FAZ-Index wissen. Die Börse ist eben, wie der Aktionär Daniel Defoe bemerkte, "ein Handel, auf Betrug gegründet, von Täuschungen getragen, durch alle Art Blendwerk genährt".