Der Verlag Hoffmann und Campe hatte ein gutes Geschäft gewittert. Ein politisches Enthüllungsbuch aus der Perspektive der von ihrem niedersächsischen Ministerpräsidenten verlassenen First Lady Hiltrud Schröder.Noch vor der ersten Manuskriptseite lief die Werbung an: "Kein Buch, das ähnlich offen, unverbrämt" und so weiter schildern würde, was das zunehmend verdrießliche Wahlvolk bestimmt lesen will.Wahrscheinlich Machtkämpfe unter den Männern in Parteien und Parlamenten.Neidischer Krieg unter ihren Weibern.Dazwischen der Niedergang der großen Themen der Mensch heit. Hiltrud Schröder konnte das nicht schreiben, nach den wenigen Absätzen zu urteilen, die vorab verteilt wurden.Von ihren Erlebnissen in Tschernobyl berichtet sie da, erzählt von ihrem großen Anliegen: "Die besonderen Kinder".Sie seien verstrahlt, verstümmelt.Auf der Frankfurter Buchmesse stand die 47jährige Frau wie eine Eins vor ihrer noch leeren Buchhülle (Titel: "Auf eigenen Füßen"). Sie habe sich vom Manuskript nicht trennen können, erklärte sie tapfer.Und vorsichtig: Es kämen ihr Bedenken.Die menschlichen Zusammenhänge seien doch komplizierter.Der Verlag hat jetzt wissen lassen, das Buch komme am 17.Oktober heraus.Solle sie ruhig was Schlimmes schreiben, habe ihr Mann in einem Interview gespottet, daß sie noch ein bißchen Geld rausholen könne. Sie braucht Geld.Sie hat zwei studierende Töchter, drei Hunde, zwei Ponys und mehrere Meerschweinchen zu ernähren.Im nächsten Jahr läuft ihre Amtszeit als Vorsitzende der niedersächsischen Stiftung "Kinder von Tschernobyl" aus.Die wird die Ex-First-Lady nicht mehr haben wollen.Sie spürt bereits Vernachlässigung.Neulich abends, auf anstrengender Betteltour irgendwo, weitab von Taxistand und Bahnstation, war nach der Veranstaltung kein Wagen da, sie abzuholen.Die Stiftung hatte sie einfach vergessen. Sechzehn Jahre waren sie zusammen: Hiltrud und Gerhard Schröder. Das Traumpaar von Niedersachsen.An ihrem glücklichen Familienleben ließen sie die Öffentlichkeit werbewirksam teilnehmen.Nun auch an der Zerstörung.Vielleicht ergibt das einen Sinn."Wenn wir die Möglichkeit kriegen", hatte vor ein paar Jahren noch Hiltrud über Gerhards Kanzler-Ambitionen gesagt, "dann machen wir das." Journalisten empfing sie in seinem Büro.Er hatte nichts dagegen. Durch ihr Tschernobyl-Engagement fiel auf ihn grünpolitischer Abglanz.Durch ihren kämpferischen Eifer wurde er für potentielle Wählerinnen ein Politiker, der seine Frau neben sich vorkommen ließ.Besser noch, neben ihrem Ehrgeiz konnte er wie ein ganz und gar gutmütiger Bulle aussehen, der sich leiten ließ von dieser zarten, zähen Frau.War das nicht eigentlich alles ganz ideal für beide Das Haus ist zugewachsen, umstellt von dichten Hecken.Die beiden großen Hunde bringt sie nach hinten in den Gar ten, ein kleiner, jaulender Schmusepeter kann bleiben.Hiltrud Schröder ist sehr schlank, inzwischen fast dünn zu nennen.Sie raucht wieder, und sie lächelt."Ich hatte eine richtig schöne Kindheit", beginnt sie, als lese sie aus ihrem Manuskript vor.Da nn fällt ihr ein, was sie als Kind nachts immer wieder geträumt hat: Sie habe sich Gänge durch Steinbrüche gegraben. Ihr schöner Vater war gerade achtzehn Jahre alt, als er ihre vier Jahre ältere Mutter heiraten mußte.Sein Abitur konnte er vergessen. Ab ins Zementwerk, Geld verdienen für die junge Familie.Hiltrud war unterwegs.Den unehelichen Umstand als auch den Altersunterschied zu ihrem Mann empfand die Mutter als Makel.Bei der Tochter sollte alles reibungslos laufen: "Von mir wurde erwartet: Eins!"Ihre jüngere Schwester dagegen war das Problemkind und wurde "gehütet und gehätschelt von meiner Mutter."Sie lächelt."Ich bin aufgewachsen und habe gedacht, ich bin wie mein Vater." Er wollte stolz auf sie sein können, seine besondere Tochter. Man ließ sie herumtoben wie einen Jungen.In ihrem Puppenwagen lag ihr Lieblingsbuch "Onkel Toms Hütte", die Geschichte von dem kleinen weißen Mädchen, das den großen schwarzen Mann beschützt. Als einziges Mädchen aus dem Dorf wurde Hiltrud ins städtische Gymnasium geschickt.Sie sollte das Abitur nach Hause bringen. "Als ich siebzehn Jahre alt war, wurden mir alle Freiheiten genommen. Da hat mein Vater mich richtig überwacht."Fast hätte sie das Abitur geschmissen.Fast.Danach ab in die Ehe. Die Eltern hatten für ihre recht selbstbewußt gewordene Tochter einen Mann gefunden, einen Zeitsoldaten und Polizisten, den sie gar nicht liebte.Zähne zusammenbeißen und heiraten!Nach einem Jahr saß sie da mit gelähmtem Gesicht, als hätte sie der Schlag getroffen.Die Ärzte fanden nichts.Sie wurde schwanger.Wiebke wurde geboren, 1971, Franca acht Jahre später.Für die Jüngere ist Gerhard Schröder der eigentliche Vater."Sie wurde gerade drei, als ich ihn kennenlernte." Er war dabei, seine politische Karriere zu bauen.Sie war dabei, sich aus ihrer ersten Ehe zu befreien.Sie begann zu studieren, Politik und Sozialwissenschaften.Nach dem Tod der Mutter hörte sie zu studieren auf."Es ging mir unheimlich schlecht, vielmehr als nach dem Tod meines Vaters." Gerhard Schröder hatte nach zwei Ehen, die kinderlos geblieben waren, in Hiltrud "meine Klassefrau" gefunden.Eine Frau, die ihre kleinen Kinder bereits mitbrachte.Den vierschrötigen, großen Mann nannten die beiden Töchter später Gerda.Er ließ es sich ganz gern gefallen. Er war die Völlig-daneben-Gerda, wenn er sich wieder mal total geschmacklos gekleidet hatte.Schmuse-Gerda sollte er aber auch sein.Von diesem großen, breiten Mann wollten sie gehütet und gehätschelt werden.Dabei brauchte er selbst den Schutz einer Frau. "Du mußt sofort kommen!Die machen mich fertig hier", hatte er von einem SPD-Parteitag aus angerufen, als er wegen seines deutlichen Machtanspruchs Scharping, Lafontaine, Vogel und nahezu die gesamte Basis der Genossen gegen sich aufgebracht hatte.Sie kam sofort. "Das hieß zwischen uns, ich ziehe die Aggressionen der Genossen auf mich, damit er sich erst mal in Sicherheit bringen kann." Jahre zuvor hatte Gerhard Schröder in einem Interview geschwärmt: "Wenn von außen der Druck kommt, steht Hillu wie eine Eins hinter mir."Nicht doch.Vor sich hielt er sie, und sie drehte auf.Das war medienwirksam.Dann zerstörte ihr - legitimer - Ehrgeiz dieses Arrangement allmählich.Sie begann den Ehemann öffentlich zu bevormunden. Als Gerhard Schröder sich neu verliebte, mutmaßte "Bild am Sonntag", was vielen als Erklärung paßte: "Er wollte wieder männlich frei atmen."Auch seine vierte Frau, die Journalistin Doris Köpf, ist "klein, fast ein wenig verhungert und sehr zielstrebig", so beschreibt eine Kollegin sie.Und wieder eine Frau, die das Kind in die Beziehung mit ihm bereits einbringt, ein fünfjähriges Mädchen. Als ihre Tochter Franca neulich Gerhard Schröder das erste Mal in seiner neuen Wohnung besuchte, erzählt Hiltrud Schröder, da habe "er ihr als erstes das Kinderzimmer mit den Spielsachen gezeigt und danach die Milchschnitte im Kühlschrank".Ihre Tochter habe sich "durch das neue Mädchen wie ausgetauscht gefühlt". Die Katastrophe ihrer Trennung fiel mit dem zehnten Jahr nach Tschernobyl zusammen.Ihr Terminkalender war randvoll.Lächeln. Den Töchtern nicht zeigen, wie schwer der Druck auf ihr lastete und lastet."Im Auto schnell im Spiegel gucken, ob ich frisch aussehe, bevor die Kinder mich sehen."Lockerzulassen scheint für sie die schwerste Disziplin zu sein, ihre Töchter versuchen das aufzufangen."Ohne meine Jüngste wäre ich aufgeschmissen." Jetzt treibt das Buch sie um.Talk-Shows, vielleicht Lesereisen. Will sie weiterhin Gelder für die "besonderen Kinder von Tschernobyl" bekommen, muß sie sich ihre Prominenz erhalten.Hat sie keine Angst, immer wieder in die Ukraine zu fahren?Ihre Töchter haben schon mit ihr geschimpft.Sie geht davon aus, daß sie sich "da was weggeholt haben könnte".Letzte Frage: Wer für sie der beste SPD-Kanzlerkandidat sei?Noch immer Gerhard Schröder?Sie zögert. Aber nicht lange.Dann sagt sie: "Heide Simonis."