Seit Mitte der siebziger Jahre verweisen westliche Intellektuelle und Politiker auf die vermeintliche Unvereinbarkeit des Islam mit den europäischen Vorstellungen von Menschenrechten. Als Beweis gelten strafrechtliche Bestimmungen wie die Handamputation bei Diebstahl, praktiziert etwa im Sudan oder in Somalia. Oder die Hinrichtung mit dem Schwert, wie sie in Saudi-Arabien vollzogen wird. Oder die Steinigung bei Ehebruch, gesetzlich vorgesehen in Afghanistan, dem Iran, Pakistan und Saudi-Arabien.

Dabei fällt auf, daß dergleichen menschenverachtende Praktiken in der Regel dem Islam insgesamt zugeschrieben werden: eine Religion im Blutrausch. Kaum jemand käme dagegen auf die Idee, die beispielsweise in den Vereinigten Staaten praktizierte Todesstrafe als Ausdruck eines kulturellen Systems oder des amerikanischen way of life zu werten.

Längst sind die Menschenrechte zu einem beherrschenden Thema in der Debatte um Tradition und Moderne, um das Verhältnis zwischen Nord und Süd, Ost und West geworden. Und längst sind sie Gegenstand einer Auseinandersetzung, in der alle Beteiligten zum einen ihre kulturelle Überlegenheit, zum anderen ihre Humanität zu beweisen suchen. Gerade in diesem Bereich zeigt sich westlichen Beobachtern das Problem, ob und wie Werte, Normen und Institutionen, die ursprünglich im christlichen Abendland entwickelt wurden, auf andere Kulturen übertragen werden können. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gilt der Islam als stärkster Widersacher einer universalen Verbreitung der Menschenrechte - neben einigen ostasiatischen Staaten und Gesellschaften, vor allem China und Indien.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Menschenrechte sind ohne Wenn und Aber unteilbar. Kein noch so vehement vorgetragenes "Recht auf kulturelle Differenz" legitimiert willkürliche Inhaftierung, Folter, Verstümmelung oder Exekution. Die deprimierend langen Länderberichte über Menschenrechtsverletzungen von Marokko bis Indonesien, die amnesty international in jedem Jahr vorlegt, haben allerdings mit dem Islam als Religion nichts zu tun. Sie sind bestenfalls Ausdruck einer politischen Manipulation von Religion.

In den Worten der marokkanischen Frauenrechtlerin Fatima Mernissi steht "eine abgehackte Hand nicht für den Islam, sondern für ein anachronistisches Regime, das seine Archaismen nicht anders als unter dem Schleier des Heiligen verbergen kann".

Leider zeigen westliche Beobachter, ob in den Medien oder in der Politik, nur selten einen differenzierenden Blick. Ohne Rücksicht auf bestehende soziale, politische und wirtschaftliche Verhältnisse wird der Islam überwiegend als eine in sich geschlossene, homogene und unveränderliche Macht dargestellt - so radikal anders, daß es möglich wird, ihn als historischen Gegenspieler anzusprechen.

Ganz ähnlich, wie früher in manchen Kreisen der Kommunismus gehandelt wurde. Hier der rationale, humanistisch geschulte westliche Demokrat, dort sein Antipode, der fanatisierte, mittelalterliche homo islamicus.