Der Werther ist nicht Goethe, Gustav Aschenbach ist nicht Thomas Mann, und auch der Ich-Erzähler des Romans "Hunger" ist nicht Hamsun nicht einmal Flaubert, trotz des berühmten Spruches "Madame Bovary, c'est moi", ist mit seiner Figur identisch. Das lernt man - wenn man dort etwas lernt - im ersten Semester Literaturstudium.

So einfach ist das.

So einfach ist das nicht. Literatur kennt viele Modelle und Spielweisen, zahllose - mal dem Autor fernere, mal weiter geschwungene - Horizonte.

Heinrich Heine war durchaus der Mann, der - wenn es auch nicht "im traurigen Monath November" war - seine Reise in "Deutschland.

Ein Wintermährchen" beschrieb, und die Frage nach der angeeigneten Vita, der eigenen oder fremden, war im Roman noch nie unredlich - ob nun Walther Rathenau für den Arnheim in Musils "Mann ohne Eigenschaften" Vorbild war oder Georg Lukács für den Naphta in Thomas Manns "Zauberberg". Es gibt hermetische Kunstwerke so gut wie durchlässige. Zu Becketts "Comment c'est" verböte wohl sogar die bei allen Dichterlesungen gefürchtete alte Dame sich ihre Frage "Ist das autobiographisch?" Zu Strindberg, bekanntlich, wäre sie so abwegig nicht. Und zu Genet ist sie geradezu geboten.

Wer die eigene Biographie sehr direkt einschmilzt in sein Werk, muß erdulden, nach ebendieser Biographie befragt zu werden, nach Kurven, Schleifen, auch Unterschleifen. Daraus - auch daraus - besteht Literaturwissenschaft: ob der Essay über Virginia Woolf, der ebendiese Schleifspuren eines Lebens in "Die Fahrt hinaus" oder "Zum Leuchtturm" untersucht, ob die Heine-Philologie, die noch heute rätselt, warum der Dichter der "Loreley" zeitlebens sein Geburtsdatum fälschte, oder Jan Gibsons Lorca-Biographie, die erstmals offen die Homosexualität des Autors darlegte. Auch Wolfgang Hildesheimer schildert schonungslos, daß Mozart kein Herzchen war. Derlei hat zunächst einmal nichts zu tun, gar nichts, mit Verfolgung, Schmähung, Denunziation.

Stephan Hermlin ist ein - ich finde: großartiger - Schriftsteller, der sein gesamtes Werk mit seinem Leben aufs engste verwoben hat von der unvergeßlichen "Ballade nach zwei vergeblichen Sommern" bis zur unverzeihlich schmähenden Erzählung "Die Kommandeuse".