Wenn etwas bloß dumm rumsteht und überdies viel kostet, dann muß die Frage erlaubt sein, warum.Der französische Rechnungshof hat vorige Woche gefragt und gleich selber geantwortet: Der Superphénix von Creys-Malville habe die Nation bislang einerseits umgerechnet zwölf Milliarden Mark gekostet und weise andrerseits "in allen denkbaren Fällen eine negative Nutzenbilanz" aus. Dabei begann vor 22 Jahren alles mit großem nationalem Getöse. Endlich schien Frankreich seinem uralten Trauma entronnen, kaum eigene Kohle zu besitzen und damit dem Weltmarkt ausgeliefert zu sein.Die Nukleokraten der Republik hatten ein "High-Tech-Wunder", wie es damals hieß, ersonnen: den sogenannten schnellen Brüter. Der sollte nicht bloß reichlich Strom produzieren, sondern gleichzeitig seinen eigenen Brennstoff Plutonium."Er wird uns Energiereserven verschaffen", frohlockte der damalige Präsident Valéry Giscard d'Estaing, "die vergleichbar sind mit jenen Saudi-Arabiens." Zwar gab es von Anfang an heftige und europaweite Proteste gegen den Superphénix.Und es häuften sich die Havarien.Zusammengerechnet lieferte der schnelle Brüter bislang weniger als ein Jahr lang Strom.Doch dank der typisch französischen engen Verflechtung zwischen Staat, Atomindustrie und Atomwissenschaft hielt man unerschütterlich fest an dem weißen Koloß im Département Isère. In keinem andern Land der Erde stammen drei Viertel der Elektrizität aus Atomkraftwerken.Häufig wird betont, daß die Welt von Japan bis Amerika neidisch auf das französische Nuklearprogramm blicke. In jüngster Zeit häufen sich jedoch die Zweifel.Die bekannte Umweltanwältin Corinne Lepage brandmarkte den "äußerst gefährlichen Charakter" des Superphénix sie tat dies allerdings, als sie noch nicht als Umweltministerin im Kabinett saß.Sobald sich abzeichnete, daß der Brüter wohl nie zu einem kommerziell erfolgreichen Stromproduzenten werden würde, hatten findige Köpfe die Idee, ihn in einen Forschungsreaktor zu verwandeln und hernach gar in einen "Plutoniumfresser", also just in sein Gegente il.Ein kühnes Vorhaben, doch kein Mensch weiß, ob es je gelingen wird.Selbst Optimisten trauen dem "Fresser" lediglich zu, jährlich hundert Kilo des gefährlichen Plutoniums zu verschlingen - ein Bruchteil der vielen anfallenden Tonnen, von denen man nicht weiß, wohin. Schließlich setzte die Regierung eine Wissenschaftler-Kommission ein, die ihr gute Argumente für das Weiterbetreiben des Superphénix liefern sollte.Aber die Fachleute erklärten diesen Sommer, daß er selbst als Forschungsreaktor nicht tauge."Schnelle Brüter" dürften angesichts der Lage auf den Energiemärkten kaum vor dem Jahr 2050 wieder aktuell werden, und daß das teure Ding dereinst fähig sei, in der nötigen Menge Plutonium zu "verbrennen", sei leider nicht zu belegen.Nachdem jetzt auch der Rec hnungshof zu einem vernichtenden Urteil gelangt, stellt sich die Frage: Wer gibt dem Phönix den Gnadenstoß? Wenn das so einfach wäre!Französische Präsidenten sind zwar begierig, kühne Projekte zu lancieren, doch sie zu kippen ist ganz etwas anderes.Kommt hinzu, daß der Zeitpunkt ausgesprochen heikel ist: Noch schmerzt der jüngste Rückschlag beim Ariane-Weltraumprogramm gleichzeitig wird zunehmend unwahrscheinlich, daß die bald auszumusternde Concorde einen ebenso geschwinden Nachfolger in den Lüften bekommt und darüber hinaus zwingen die Budgetnöte Paris dazu, den Ausbau des TGV-Ne tzes auf Eis zu legen und ernsthaft die einst belächelte "lahme Alternative" mit Neigezügen nach schwedischem oder italienischem Vorbild zu erwägen.So mag der jugendliche und doch schon abgetakelte Brüter noch manchen Geburtstag feiern.Bei elektrischem Licht? Sonst tut's auch Kerzenschein.