Unter dem Datum 6. Januar 1995 konnte man in den Tagebüchern von Fritz Rudolf Fries, "Im Jahr des Hahns", schon vor einigen Monaten den Eintrag lesen: "Besuch Waltraud Lewin und ihre Tochter (. . .)

Im Gespräch versuchen wir ante rem die Wunden zu heilen, die uns W.s Buch schlagen wird. Stellen wir uns dem Ehrenrat des PEN oder nicht. Und überhaupt, was soll dieser Unsinn, vor einen Ausschuß geladen zu werden, der an denjenigen McCarthys for un-American activities erinnert. Zum Glück waren wir uns schon früher gewogen sonst sähe dies wie Kumpanei post festum aus."

"W.s Buch" ist nun erschienen. Joachim Walther hat vier Jahre lang in der Gauck-Behörde geforscht und Geschichte, Struktur und Techniken der Überwachung, Repression und Zerstörung von Schriftstellern durch die Stasi beschrieben. Daß dabei auch einige bislang unbekannte, literarisch weniger bemerkenswerte GI, IM, IMS, IME, IMF und IMB namentlich bekannt werden, ist eher ein Nebeneffekt dieser Arbeit.

Ihr zentrales Interesse gilt der komplexen Beschreibung einer vierzigjährigen Geschichte der umfassenden Kontrolle und Steuerung von Literatur.

Schriftsteller und Staatssicherheit also, Geist und Macht - kein neues deutsches Thema. In dem soeben in 2. Auflage erschienenen Wörterbuch der Staatssicherheit kann man sich einen Eindruck über das "tschekistische Feindbild" verschaffen, das die Stasi auch im Umgang mit den von ihr "operativ behandelten" Schriftstellern vor Augen hatte: "Konkrete und gesicherte Erkenntnisse über den Feind und die auf ihnen beruhenden tiefen Gefühle des Hasses, des Abscheus, der Abneigung und Unerbittlichkeit" sollten "politische Untergrundtätigkeit", "politische Diversion" und "Zersetzung" rechtzeitig und wir ksam "aufklären" helfen. Waren die inneren Feinde einmal ausgemacht, so begann das "Zersetzen" - die Zersplitterung, Lähmung, Desorganisierung und Isolierung dieser "feindlich-negativen Kräfte" bis hin zur "Zerschlagung und Liquidierung". Wem sich beim Lesen solch martialischer Staatsprosa kein Vergleich aufdrängt, der sollte nie wieder vergleichen.

Sehr systematisch und in der wertenden Kommentierung angenehm zurückhaltend beschreibt Joachim Walther den politischen wie kulturpolitischen Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), das als "Schild und Schwert" der Partei die "sozialistische Kulturpolitik" durchsetzen und absichern sollte. Dabei hatte dieser bürokratisch-militärisch strukturierte Apparat drei Hauptfunktionen zu erfüllen - die eines Nachrichtendienstes ("Aufklärung"), die einer politischen Geheimpolizei ("Abwehr"), und die eines juristischen Untersuchungsorgans, das die Strafverfolgung betrieb und von 1945 bis 1989 43 Schriftsteller ins Gefängnis brachte.

Diktaturen, die sich auf eine synthetische und von den gesellschaftlichen Interessen abstrahierende Ideologie berufen, beschreiben ihren Machtkomplex mit Vorliebe als einen Körper, den sie mit Organen ausstatten. Die SED als das Zentrum dieses "Organismus" sprach durch ihr "Zentralorgan", den Vor-Mund Neues Deutschland dem MfS blieben gleich drei lebenswichtige Organe vorbehalten, es waren Auge, Ohr und "Hand, die greifen, zuschlagen, Werkzeuge und Waffen benutzen kann".