Die preußische Justiz war eine Welt für sich, und sie formte die Menschen, die in ihr lebten. Wer Zugang zu dieser vergangenen Welt fand und wem sie verschlossen blieb, wie sie auskam mit dem Rest der Gesellschaft, auf die der standesbewußte preußische Richter selbstgefällig herabschaute, und wie sich die Beziehungen veränderten - das ist das Thema des lesenswerten Buches von Christina von Hodenberg.

Es fragt nach dem Selbstverständnis preußischer Richter in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die alte Gesellschaftsordnung unterging und die neue erst in Umrissen sichtbar war. Welchen Leitbildern fühlten sie sich privat und beruflich verpflichtet?

Und wie wirkten sie sich auf ihr Rechtshandeln aus? Die politischen Einstellungen werden erst in einem zweiten Schritt geprüft. Im Mittelpunkt stehen die kulturellen Prägungen, denn aus ihnen sieht die Autorin den preußischen Richter als kollektive Gestalt hervorgehen.

Gymnasium und Universität waren wichtige Stationen auf dem Lebensweg, doch weit nachhaltiger prägten die bürgerliche Herkunft und der Beruf.

Der Schlüssel zu dieser Welt hieß Bildung. Mit ihr grenzte man sich sozial ab - nach oben gegen den Adel, nach unten gegen den "Pöbel", aber auch gegen den reichen Kaufmann und den kleinen Handwerker. Bildung meinte nicht Fachwissen. Das lernte man auf der Universität, um es nach dem Examen - es fiel ohnehin kaum jemand durch - schnell zu vergessen, da es für den Berufsalltag nicht taugte.

Wissenschaftlichkeit lautete das immer wieder beschworene Ideal.

Der preußische Richter hatte das neuhumanistische Leitbild verinnerlicht: zweckfreie Bildung als Bildung zur Persönlichkeit. Lebenslanges Lernen, ermöglicht durch wissenschaftliche Ausbildung, gehörte zu diesem Ideal, das im privaten und im beruflichen Leben gleichermaßen verankert war. Man führte einen Lebensstil, der den Gefühlskult von Freundesbünden ebenso einschloß wie die Geselligkeit in der Familie und mit anderen, die als sozial gleichrangig akzeptiert wurden. In dieser bildungsbürgerlichen Lebenswelt schliffen sich die sozialen Werte ein, aus denen der preußische Richter sein Selbstgefühl und sein Weltbild bezog. Er huldigte einem bürgerlichen Tugendkatalog. An dessen Spitze thronte der Dienst am Staat, doch seine Normen formten auch das Familienleben und den beruflichen Alltag der Rechtspraktiker.