MÜNCHEN. - Vom 9. Dezember 1946 bis zum 19. Juli 1947 verhandelt der Militärgerichtshof von Nürnberg gegen 23 Angeklagte, davon zwanzig Ärzte. Mit sieben Todesurteilen, neun Haftstrafen und sieben Freisprüchen endet das Verfahren, das als "Nürnberger Ärzteprozeß" Geschichte macht.

Fünfzig Jahre später, am 10. Oktober 1996, erscheint in der ZEIT eine Anzeige, in der es heißt: "Seit über 50 Jahren hat das Land Bayern Dr. Hans-Joachim Sewering beherbergt und geschützt. Jetzt ist es Zeit für Gerechtigkeit." Ein neuer Akt im Dauerskandal um den Dachauer Lungenfacharzt Dr. med. Hans-Joachim Sewering, einst Deutschlands höchster Ärztefunktionär, der schon 1993 internationale Schlagzeilen machte, weil er damals zum Präsidenten der World Medical Association gewählt worden war, nach heftigen Protesten aber auf das Amt verzichtete.

Sewering, seit dem 1. November 1933 Mitglied der SS (Mitgliedsnummer 143 000), seit dem 1. August 1934 auch der NSDAP (Nummer 185 805), arbeitete von Sommer 1942 an als Assistenzarzt in der Pflegeanstalt Schönbrunn bei Dachau, einem Behindertenheim. Von dort hat Sewering die am 7. Juli 1929 geborene, am 13. September 1934 im Alter von fünf Jahren in Schönbrunn aufgenommene Patientin Babette Fröwis in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar überwiesen. In seinem "Verlegungszeugnis" vom Oktober 1943 steht lapidar: "Da Fröwis sehr unruhig ist, ist sie für Schönbrunn nicht mehr geeignet."

Im Krankenblatt, das in Eglfing-Haar für die Vierzehnjährige angelegt wird, heißt es am 16. November 1943: "Seit 5 Tagen mangelhafte Nahrungsaufnahme, verschluckt sich häufig beim Essen. Seit einigen Tagen tracheobronchistische Syndrome. Heute Exitus."

Aber erlitt Babette Fröwis nicht - wie viele andere aus Schönbrunn "verlegte" Behinderte - in Wahrheit ein ganz anderes Schicksal?

Direktor von Eglfing-Haar war der fanatische Nationalsozialist Dr. Herrman Pfannmüller, der seine Anstalt schon im September 1940 als "judenfrei" gemeldet hatte. Ein Zeuge, der 1939 an einer Führung durch die Anstalt teilnahm, sagte später aus: "In etwa 15-25 Kinderbettchen lagen ebensoviele Kinder von ungefähr 1-5 Jahren. Pfannmüller explizierte in dieser Station besonders eingehend seine Ansichten. Folgende zusammenfassende Aussprüche dürfte ich mir ziemlich genau gemerkt haben, da sie entweder aus Zynismus oder Tölpelhaftigkeit erstaunlich offen waren: ,Diese Geschöpfe (gemeint waren besagte Kinder) stellen für mich als Nationalsozialisten nur eine Belastung unseres Volkskörpers dar. Wir töten (er kann auch gesagt haben: Wir machen die Sache) nicht durch Gift, Injektionen usw., da würde die Auslandspresse und gewisse Herren in der Schweiz (gemeint war wohl das Rote Kreuz) nur neues Hetzmaterial haben.

Nein, unsere Methode ist viel einfacher und natürlicher, wie Sie sehen.` Bei diesen Worten zog er unter Beihilfe einer mit der Arbeit in dieser Station scheinbar ständig betrauten Pflegerin ein Kind aus dem Bettchen. Während er das Kind wie einen toten Hasen herumzeigte, konstatierte er mit Kennermiene und zynischem Grinsen so etwas wie: ,Bei diesem z. B. wird es noch 2-3 Tage dauern.`"

Wie viele Menschen insgesamt Opfer solcher und ähnlicher Praktiken geworden sind, läßt sich heute kaum noch exakt ermitteln. Jedenfalls war Patientenmord in Eglfing-Haar gang und gäbe. Es spricht alles dafür, daß auch die von Sewering dorthin verlegte Patientin Fröwis einer ähnlichen Mordaktion zum Opfer gefallen ist. Und ausgerechnet einem in der Behindertenfürsorge tätigen Arzt wie Sewering soll das verborgen geblieben sein? Seine beschönigenden Äußerungen über die eigene Rolle - abgedruckt in einem Interview des Dachauer Lokalteils der Süddeutschen Zeitung vor drei Jahren - führten dazu, daß der Direktor der Schönbrunner Anstalt, Nikolaus Oster, gemeinsam mit seiner Oberschwester Benigna Sirl eine Dokumentation veröffentlichte, der zufolge allein 1943 203 Behinderte zur Tötung nach Eglfing-Haar verlegt worden sind - "die Schwestern wußten", so heißt es in der Dokumentation wörtlich, "daß diese schwer körperli ch und geistig behinderten Menschen als sogenanntes ,unwertes Leben` vernichtet werden sollten".

Der Bruder der aller Wahrscheinlichkeit nach ermordeten Babette Fröwis erstattete 1993 Strafanzeige gegen Sewering. Die Staatsanwaltschaft München I stellte ihr Ermittlungsverfahren im August 1995 ein, denn Sewerings Behauptungen seien "vollkommen glaubwürdig". Eine besondere Pikanterie: Im Einstellungsbeschluß wurde noch erwähnt, daß Dr. Pfannmüller nach dem Krieg ja lediglich wegen "Beihilfe zum Totschlag" zu einer kurzen Haftstrafe (sechs Jahre Zuchthaus) verurteilt worden sei deshalb sei beim Kollegen Sewering, selbst wenn ein Totschlag erwiesen werden könne, in jedem Fall Verjährung anzunehmen . . .

Zu Sewerings 80. Geburtstag veröffentlichte das Deutsche Ärzteblatt am 26. Januar 1996 eine umfangreiche Würdigung. "Geboren in Bochum, studierte er in München und Wien von 1934 bis 1941 Medizin. Nach Staatsexamen und Promotion und anschließender Tätigkeit als Arzt im Krankenhaus ließ er sich 1947 in Dachau in eigener Praxis nieder", hieß es dort. So einfach geht es also mit der "Entsorgung" der deutschen Vergangenheit. "Das fortbestehende Unvermögen der deutschen Ärzteschaft, sich ihrer eigenen Geschichte zu stellen, hat auf internationaler Ebene verheerende Folgen", schrieb angesichts all dessen der Arzt William Seidelman, Professor an der University of Toronto, in einer internationalen Fachzeitschrift. Nur der deutschen Ärzteschaft? Wie immer man die juristische Schuld Sewerings bewertet - ob man ihn nun wirklich als "Kriegsverbrecher" bezeichnet (so bereits eine Anzeige der New York Times vom Juli 1995, in der 128 amerikanische Ärzte fragten, warum Bayern einen Kriegsverbrecher beherberge) oder ob man auch für ihn die "Unschuldsvermutung" reklamiert -, ein zweiter Skandal liegt darin, daß der niemals durch besondere wissenschaftliche Leistungen aufgefallene greise Lungenfacharzt als vermeintlicher "Experte" dem "Gesundheit sforum" der renommierten Süddeutschen Zeitung angehörte und dort (wie noch im Dezember 1995!) zum Beispiel zum Thema "Aufklärung statt Überdiagnostik" Stellung nehmen durfte. "Schlimm", lautet der bündige Kommentar des kanadischen Medizinhistorikers Professor Michael Kater, dessen Buch "Doctors under Hitler" (1989) weltbekannt geworden ist und der rechtzeitig zum Herbst 1996 bei der Cambridge University Press einen Beitrag über den Sewering-Skandal vorbereitet.

In diesem Herbst, fünfzig Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozeß, sollten endlich günstigere Bedingungen existieren für eine kritische und selbstkritische Auseinandersetzung mit dem, was gewesen ist.

Dazu müßte freilich die Justiz in Bayern endlich ernsthaft gegen Sewering ermitteln. Und die Süddeutsche Zeitung hätte wohl zu prüfen, welche "Gesundheitsexperten" sie zu ihren Lesern sprechen läßt . . .