Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" Anders als mit der Erinnerung an diesen Aufruf aus Büchners "Hessischem Landboten" von 1834 kann und mag ich eine Laudatio auf die Georg-Büchner-Preisträgerin des Un-Sozial-Jahres 1996 nicht beginnen.

Eine Regierung - unfähig zu einer mehr Gerechtigkeit schaffenden Steuer- oder Justiz-Reform - erlaubt sich die Ausbeutung der Arbeitslosen und Kranken, die durch die Koppelung von Beitragssatzerhöhung und Selbstbeteiligung jetzt doppelt zur Kasse gebeten werden.

Und sogenannte Wirtschafts-Führer lassen sich, nachdem sie Milliarden verplempert haben, als Sanierer feiern - und von den Millionen arbeitswilligen Menschen, die dafür auf die Straße geschickt werden mußten, spricht niemand mehr.

Wie schrieb Georg Büchner aus dem Straßburger Exil am 5. April 1833 den Eltern nach Darmstadt: "Man wirft den jungen Leuten den Gebrauch der Gewalt vor. Sind wir denn aber nicht in einem ewigen Gewaltzustand?" Ja, Gewalt sieht heute anders aus als vor 150 Jahren. Mit dem Blick auf die finsteren Berliner Mietskasernen hat der Maler Heinrich Zille vor 100 Jahren gewarnt, man könne Menschen auch mit Wohnungen totschlagen. Heute geht das, wenn man junge Menschen gleich vom Kreislauf der Arbeit ausschließt, ihnen auch die versprochenen Ausbildungsplätze verweigert.

Keine Bange: Wir sind längst bei der Büchner-Preisträgerin, bei der Dichterin Sarah Kirsch - einer, wie Büchner, ganz in ihrer Zeit lebenden Autorin, die, wie er, kritische Distanz hält, Außenseiterin, Einzelgängerin, mit dem Einsamkeitsdruck, den diese Position erzeugt, wie ihn das Gedicht "Moskauer Tag" aus dem Band "Zaubersprüche" bekennt: "Ich saß in der Sonne und rauchte . . . / . . . Die Leute / Gingen und redeten und saßen und lasen und waren so zu Hause daß es mir auffiel: / Ich kannte nur mich und das war zu wenig.

Saß da / Mit mir auf der Bank ich in der Mitte ich rechts von mir / Und links auch noch alles war frei und besetzt da beschloß ich / Mit mir nicht zu reden. Mir tat nichts weh ich wünschte dich nicht . . ."

Der Georg-Büchner-Preis ist anders als alle literarischen Ehrungen.