Die Schwalben flogen hoch an diesem Abend. Elegant stiegen sie mit schnellen Flügelschlägen bis zu den rosafarbenen Wolken hinauf, in die eine schon längst entschwundene Sonne einen letzten Farbhauch zauberte. Die Vögel jagten um die schiefe, nadelgleiche Turmspitze der im Jahre 812 gegründeten Margarethenkirche und schossen wie schwarze, schwirrende Pfeilspitzen an den roten Sandsteinfassaden des barocken Heimatmuseums vorbei, das früher einmal ein Schloß war. Es gab nichts zu tun, als bei einem Glas Wein den Schwalben hinterherzuschauen.

Schon am späten Nachmittag wirkten die Gassen und Sträßchen der Altstadt des über tausend Jahre alten Schlitz im hessischen Vogelsbergkreis wie ausgestorben. Später verriet das blaue, kalte Fernsehlicht hinter den Fenstern und den sorgfältig zugezogenen Vorhängen, daß doch noch Leben im Städtchen war. Auf dem mit granitenen Kopfsteinen gepflasterten Marktplatz und vor dem St.-Georg-Brunnen, aus dessen eisernen Röhren kein Tropfen Wasser floß, spazierten vier Urlauber aus Berlin ziellos herum, stiegen in ihr Auto, und dann, als das Motorengeräusch verklungen war, fiel wieder eine himmlische Ruhe über den von engstehenden Fachwerkhäusern gerahmten Platz - Abendstille überall, aber eine Ruhe, die plötzlich auch beklemmend war.

Fachwerkstädtchen wie Schlitz, das neben einem guten Dutzend anderer hessischer Orte zu den Fachwerkschönheiten Deutschlands gehört, zeigen in ihren auf den ersten Blick makellos restaurierten Altstädten Idylle wie aus den Hochglanzbroschüren der Fremdenverkehrswerber, suggerieren emotionsgeladene Begriffe wie Heimat, Nostalgie, Brauchtum, Gemütlichkeit, Vertrautheit und Nähe. Bei solch romantischen Reisen in die deutsche Provinz der reinen Fachwerkkultur ist es gut, wenn auf dem Beifahrersitz unsichtbar Reinhard Bentmann Platz nimmt und stets "Vorsicht!" ins Ohr flüstert, wenn das Gefühl sich im Altdeutschen zu verlieren droht. Der Leiter der Abteilung Baudenkmalpflege beim hessischen Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden ist, fast schon pervers, einer der schärfsten Kritiker der Altstadtsanierungskonzepte in Hessen, die er entscheidend mit auf den Weg gebracht hat.

In einem Beitrag für das "Kursbuch" unter dem Titel "Geschichtsdesign - Die Verwandlung des Stadtraums zur guten Stube" (Dezember 1991) geißelt Bentmann die kulissenhafte "überdesignte Altstadt", die nun "irritierend alterslos" sei und deren "kuschelige Holz-Lehm-Fassaden" selbst im Sommer so wirkten, als sei schon die Weihnachtszeit angebrochen. Heute, fünf Jahre später, nimmt Bentmann keine Zeile zurück, würde manches sogar noch "extremer" formulieren. Aber damals dachte er so, wie alle touristischen Bildungsbürger heute noch denken: ". . . und ich muß gestehen, daß meine Anfänge als Landesdenkmalpfleger von . . . Gefühlen warmen, nostalgischen Einvernehmens mit der konservierten Idylle bestimmt waren, daß ich ein romantisches, literarisch unterfüttertes Bild von der alten Stadt, vom heilen Dorf in mir hatte, Verse von Eichendorff oder Mörike, Illustrationen von Ludwig Richter und den Tagtraum vom ländlichen Wirtsgarten . . ."

Im einzigen Lokal am verträumten Schlitzer Marktplatz, das "Taormina" heißt, sind mit dem Abend zwei Mädchen und ein Junge eingefallen.

Für die drei ist die ganze Welt zweigeteilt: in "ätzend" und "geil".

Später begleitet den Nachtwanderer nur noch der eigene Schatten in der Altstadt von Schlitz. Im Gegensatz zu anderen Fachwerkstädten Hessens fehlt hier eine lebendige Kneipenszene. Die Geschäftswelt - bis auf ein paar Unentwegte - hat sich schon längst verabschiedet.