Am 9. September 1985 saßen in einem mexikanischen Restaurant im texanischen Houston ein paar Wissenschaftler zusammen und knobelten an einer Denksportaufgabe: Wie kann man aus sechzig Kohlenstoffatomen eine kugelförmige Struktur zusammenbauen? Der Abend verlief ergebnislos.

Aber in der Nacht arbeitete jeder für sich weiter - mit Zahnstochern und jelly beans oder Papier und Klebeband. Noch heute sind sich die Forscher nicht einig, wer schließlich als erster auf die richtige Lösung kam. Daß die beteiligten Amerikaner ein wenig begriffsstutzig waren, hat wohl damit zu tun, daß bei ihnen Fußball unter dem Namen Soccer ein Schattendasein führt. Doch zumindest der Engländer in der Runde hätte früher drauf kommen können - aber er hat nach eigenen Angaben seine aktive Fußballerlaufbahn beendet, bevor die aus weißen Sechsecken und schwarzen Fünfecken zusammengesetzten Bälle in Mode kamen.

Jedenfalls konnten sie am folgenden Tag gemeinsam die wissenschaftliche Arbeit verfassen, die drei von ihnen nun den Nobelpreis für Chemie einbrachte: Richard Smalley und Robert Curl von der texanischen Rice-Universität und Harold Kroto von der Universität von Sussex im englischen Brighton. Sie tauften das neue fußballförmige Molekül C60 auf den Namen "Buckminsterfulleren", zur Erinnerung an den durch seine Kuppelbauten bekanntgewordenen amerikanischen Architekten Buckminster Fuller. Der Name wurde bald zu "Buckyballs" verniedlicht, und die Gruppe aller mittlerweile entdeckten sphärischen Kohlenstoffmoleküle wird heute kurz "Fullerene" genannt.

Bis zur Entdeckung von Houston war reiner molekularer Kohlenstoff nur in zwei Formen bekannt: als Graphit und als Diamant. Kroto, ein eher praxisferner Theoretiker, war auf der Suche nach neuen, kettenartigen Formen interstellaren Kohlenstoffs und fand in Smalley den anwendungsorientierten Chemiker, der über ein Labor mit der neuesten Lasertechnologie verfügte. Also reiste Kroto nach Texas, und gemeinsam experimentierte man mit Graphitproben, die in einer reaktionsfeindlichen Heliumatmosphäre mit Laserstrahlen verdampft wurden. Die entstandenen Dämpfe wurden mit einem Massenspektrometer untersucht. Seltsamerweise entstanden unverhältnismäßig viele Moleküle aus sechzig Atomen - und das war der Anlaß für die Denksportrunde im mexikanischen Restaurant.

Wie der neuentdeckte Stoff aussieht, wußten die Forscher damals allerdings nicht sie hatten als Beweisstück nur die Peaks auf den ausgedruckten Kurven ihrer Instrumente. Buckyballs in größeren Mengen herzustellen gelang erstmals 1990 dem Heidelberger Forscher Wolfgang Krätschmer.

Nach der Entdeckung begannen sich Forscher auf der ganzen Welt auf den neuen Stoff zu stürzen. Es gab viele Spekulationen über mögliche Anwendungen: Fullerene als Schmiermittel, als Substrat für elektronische Chips, als "Käfig", mit dem man Medikamente in den menschlichen Körper einschleusen könnte. Realität geworden ist davon in den letzten zehn Jahren freilich nichts. Der letzte Schrei sind die sogenannten Buckytubes, Röhren aus Kohlenstoff-Maschendraht, auf beiden Seiten mit einem halben Fußball verschlossen. Aber auch über deren möglichen Nutzen kann heute nur spekuliert werden.