Ausgerechnet während der heißen Frankfurter Häuserkampfphase ließ der spätere Lokalpolitiker Dieter Dehm eine "freundlich gemeinte Bemerkung" fallen, ein "gewiß nicht willentlich vergiftetes Kompliment", das den Adressaten jedoch zutiefst verstören mußte: "Ach weißt du Micha . . . du bist doch ganz anders als die anderen Juden, die ich kenne." Micha Brumlik hatte in den siebziger Jahren zwar nicht sein Judentum verheimlicht, sich aber in erster Linie als Linker verstanden. Schon damals sei ihm bewußt geworden, "daß auch und gerade im linken Frankfurt ein breit gefächertes antisemitisches Potential existiere". So avancierte beispielsweise die Goebbels-Parole "Die Schweine von heute sind die Schinken von morgen" zum Schlachtruf der Spontibewegung gegen die meist jüdischen Hausbesitzer.

Daß einer schon mit knapp fünfzig seine Memoiren schreibt, mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. Micha Brumlik, Professor für Erziehungswissenschaften in Heidelberg, Publizist und Mitglied der Frankfurter Jüdischen Gruppe, hatte aber anderes im Sinn als eitle Selbstbespiegelung. In seiner "bundesrepublikanischen Erfahrung" kann man nämlich den Weg derjenigen verfolgen, deren Eltern sich nach Exil oder Konzentrationslager entschlossen hatten, ins Nachkriegsdeutschland, nach Frankfurt, zurückzukehren. Einem Deutschland, wo man auf Schritt und Tritt alten Nazis begegnete und obendrein mit dem Unverständnis der Holocaust-Überlebenden konfrontiert war, für die ein Leben im Land der Mörder undenkbar erschien.

Von diesen Jugenderfahrungen berichtet Micha Brumlik, von seiner zionistischen Jugendgruppe, dem einjährigen Aufenthalt in einem israelischen Kibbuz und der Rückkehr nach Deutschland - ein Leben voller unerwarteter Wendungen und Brüche. "Gleichwohl, Du hast recht: Fremde sind wir, und es ist gut, sich das hin und wieder ins Gedächtnis zu rufen", schrieb er einmal nach antisemitischen Ausfällen von Kommilitonen an eine Freundin. "Eine Heimat im emphatischen Sinne werden wir wohl nimmer finden, wozu auch, bestenfalls Orte, an denen es sich besser oder schlechter lebt."

Gerade in den achziger Jahren und während des zweiten Golfkrieges wurden die Grenzen und Widersprüche eines jüdischen Lebens in Deutschland offensichtlich. Einerseits galt Brumliks uneingeschränkte Sympathie dem Staat Israel, obwohl er die Politik den Palästinensern gegenüber ablehnte andererseits wurde er in politischen Gruppierungen, denen er sich verbunden fühlte, für ebendiese Politik verantwortlich gemacht.

Brumlik läßt die Kulminationspunkte bundesrepublikanischer Wirklichkeit noch einmal Revue passieren: Das gemeinsame Auftreten des deutschen Bundeskanzlers und des amerikanischen Präsidenten auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg die Verhinderung der Aufführung des umstrittenen Stückes "Der Müll, die Stadt und der Tod" von Rainer Werner Fassbinder durch die Frankfurter Jüdische Gemeinde die Besetzung des Börneplatzes, um den Bau der neuen Frankfurter Stadtwerke auf dem ehemaligen jüdischen Ghe tto zu verhindern und schließlich den zweiten Golfkrieg, als die Grünen sich fast spalteten über die Frage, ob Israel Waffen zur Verteidigung haben dürfe oder nicht. Diese öffentlichen Diskussionen haben einmal mehr deutlich gemacht, wie hartnäckig sich antisemitische Stereotypen bis heute gehalten haben.

Mögen sich mittlerweile ganz andere, vielleicht gewichtigere Ereignisse über die geschilderten geschoben haben, es ist ein Verdienst, daß Micha Brumlik sie ins kollektive Gedächtnis zurückzurufen versucht und dabei, ohne sich selbst zu schonen, eigene Fehler und Irrtümer auch freimütig eingesteht.