Auch Churchill wurde erst durch den Anblick des blutenden Stumpfes davon überzeugt, daß die gefürchtete Operation bereits überstanden war, ein Anblick, dessentwegen der Patient zum zweiten Mal binnen weniger Minuten das Bewußtsein verlor. Listons Beurteilung der neuen Erfindung war, wie immer bei diesem Poltergeist, frank und frei: "This yankee dodge, gentlemen, beats mesmerism hollow!"

Der "Yankee-Trick", für den der Bostoner Arzt und Schriftsteller Oliver Wendell Holmes den Begriff "Anesthesia" empfohlen hatte, schlug auch in der deutschen Medizin ein wie eine Bombe. Am 24.

Januar 1847 führte der Erlanger Chirurg Johann Ferdinand Heyfelder die erste Äthernarkose in Deutschland durch: "Michael Gegner, 26 Jahre alt, Schumachergeselle, blaß abgemagert und nicht kräftig, seit längerer Zeit an einem umfangreichen, kalten Absceß auf der linken Hinterbacke leidend, begann am 24. Januar Vormittags dritthalb Stunden nach eingenommenem Frühstück, das in einer Suppe bestand, die Ätherinhalationen mit Hilfe eines Apparates, der aus einer Schweinsblase und einer Glasröhre zusammengesetzt war, durch den Mund bei verschlossenen Nasenöffnungen . . ."

Diese Operation gelang so ermutigend, daß Heyfelder bereits im März auf einhundert Narkosen zurückblicken konnte. Die neue Methode erleichterte das Chirurgenhandwerk ungemein, so daß sich Heyfelder zu dem nicht allzu pietätvollen Lob hinreißen ließ, das Operieren gehe nun so gut "wie an einer Leiche". Die Äthernarkose war überall schnell Allgemeingut im Repertoire der Chirurgen und Dentisten geworden, ihre wundertätige Wirkung füllte die Spalten jeder Zeitung, in den Städten wie in der teilweise noch vorindustriellen Provinz.

Doch bald wurde deutlich, daß auch dieser epochale Fortschritt seinen Preis hatte und ein Betäubungsmittel stets auch eine Gefahr darstellt oder, wie es der Kommentator einer medizinischen Fachzeitschrift Jahre später süffisant formulierte: "Man sah dem geschenkten Gaul ins Maul und fand, daß er neben den guten auch schlimme Eigenschaften habe."

Im Februar 1847 gab es erstmals einen Todesfall durch Äthernarkose, weitere folgten und wurden in den Fachzeitschriften ausführlich geschildert. Angesichts der völligen Unkenntnis der zeitgenössischen Ärzte von den pharmakologischen Wirkungen von Äther und anderen Narkotika, bei dem noch rudimentären Wissen um die Physiologie von Herz und Kreislauf unter dem Einfluß eines inhalierten Gases, vor allem aber in Anbetracht der groben, auf reinen Schätzungen beruhenden Dosierung - das Narkotikum wurde oft "nach Gefühl" auf ein Taschentuch geträufelt, mit dem man das Gesicht des Patienten bedeckte - nimmt es wunder, daß es nicht zu wesentlic h mehr tödlichen Narkosezwischenfällen kam.

Die Unsicherheit über die noch nicht annähernd erforschten Nebenwirkungen trug entscheidend dazu bei, daß nur ein Jahr nach dem großen Tag der Äther als Narkoseträger wieder passé war. Vertrauen schenkten die Operateure in zunehmendem Maße dem Chloroform, dessen narkotisierende Wirkung der Edinburgher Arzt Sir James Young Simpson mit zwei Gästen nach dem Dinner im Selbstversuch getestet hatte. Simpson, Professor für Geburtshilfe in der schottischen Hauptstadt, erprobte danach die Substanz nicht bei einer Operation, sondern bei einer Geburt. Am 10. November 1847 berichtete er der Edinburgher Medizinischen Gesellschaft über die Schmerzerleichterung, die gebärende Frauen dank Chloroform genießen konnten. Das erste nach Chloroforminhalation (nach heutigem Verständnis eher ein Chloroformrausch als eine tiefe Narkose) geborene Kind, ein Mädchen, wurde auf den Namen Anaesthesia getauft.