Jahrzehntelang belauerten sie sich argwöhnisch, jeder ging konsequent seiner eigenen Wege. Vielleicht hätten BASF, Bayer und Hoechst das eine oder andere gemeinsam angepackt, wenn sie nicht alle derselben Wurzel entsprossen wären: dem nach dem Zweiten Weltkrieg zerschlagenen Chemiegiganten IG Farben. Doch mit der Berührungsangst der "Farben-Nachfolger" scheint es jetzt endgültig vorbei zu sein.

Das vergangene Woche verkündete Zusammengehen von BASF und Hoechst bei der Herstellung des Massenkunststoffs Polypropylen (gemeinsamer Umsatz: 1,7 Milliarden Mark) deutet jedenfalls darauf hin, daß im Verhältnis der drei Großen der deutschen Chemieindustrie nüchternes Kalkül die Oberhand über historisch bedingte Hemmungen gewonnen hat. Schon Mitte vergangenen Jahres hatten Hoechst und Bayer ihre notleidenden Textilstoff-Aktivitäten in der Gemeinschaftsfirma DyStar gebündelt.

Mit ihren jüngsten Allianzen fügen sich BASF, Bayer und Hoechst nahtlos in den weltweiten Trend ein. Um bei der Globalisierung einen der vorderen Plätze zu erobern und so technologische Führung und Kostenvorteile abzusichern, sehen sich alle big players unter Handlungsdruck: Randgebiete werden abgestoßen, Kernaktivitäten durch Zukäufe hingegen zielstrebig ausgebaut. So brachte Hoechst-Chef Jürgen Dormann, der in allen Produktbereichen weltweit unter den ersten drei sein will, sein Pflanzenschutzgeschäft schon 1994 in die zusammen mit Schering gegründete AgrEvo ein Bayer machte mit der Veba-Tochter Hüls bei Latex gemeinsame Sache.

Zu einem wahren Fusionsfieber hat die Gier nach Größe vor allem auf dem teilweise von Chemiekonzernen beherrschten Pharmamarkt geführt. Kaum hatten die Hoechster 1995 mit dem Kauf des US-Konkurrenten Marion Merrell Dow für fast zehn Milliarden Mark Platz zwei der Pharma-Weltrangliste erobert, als sie durch die Schweizer Mammutfusion zwischen Ciba-Geigy und Sandoz zur Novartis AG von dieser Position schon wieder verdrängt wurden.

In der Petrochemie wird der Kampf um die vordersten Plätze zusätzlich durch den Drang führender Mineralölgesellschaften in die Weiterverarbeitung angeheizt. Erst vor wenigen Jahren stieg das von Shell und dem italienischen Chemiekonzern Montedison geschmiedete Gemeinschaftsunternehmen Montell zu Europas führendem Polypropylen-Hersteller auf. Und dessen Kapazität übersteigt selbst die nunmehr vereinigten Anlagen von BASF und Hoechst. Bisheriger Dritter ist die durch die norwegische Statoil und den finnischen Öl- und Energiekonzern Neste Oy 1994 gegründete Firma Borealis.

BASF hatte bereits vor zwei Jahren die Polypropylen-Aktivitäten des britischen Chemiekonzerns ICI übernommen. Gleichzeitig mit der Bekanntgabe ihres Hoechst-Deals präsentierten die Ludwigshafener noch einen weiteren Partner: Auf dem Markt für Polyethylen, den zweiten Standardkunststoff aus der Familie der Polyolefine, wollen sie in Westeuropa künftig mit der Shell-Gruppe zusammengehen.

Beide Konzerne sind bereits über die von ihnen je zur Hälfte kontrollierten Rheinischen Olefinwerke eng miteinander verbunden.