Es ist wie bei einer Geburt", erklärte Einar Haflidasson, Chefingenieur der isländischen Straßenbauverwaltung, "man weiß, das Kind kommt.

Aber nicht genau, wann."

Die Geburt, die Haflidasson meint, kündigt sich bereits mit heftigen Wehen an. Unter Islands größtem Gletscher Vatnajökull ist Ende September ein Vulkan ausgebrochen. Gewaltige Wassermassen sind geschmolzen und bilden unter dem Eis einen riesigen See. Kenner wissen, gestützt auf tausendjährige Erfahrung seit der Besiedlung Islands, daß sich der See wie eine Fruchtblase schließlich entleeren muß. Doch der Zeitpunkt ist noch ungewiß.

Der Verlauf der Katastrophe aber zeichnet sich schon jetzt ab.

Das Wasser wird in rasendem Schwall hervorbrechen und sich in breiter Front über einen schmalen Streifen Land zwischen Gletscher und Nordatlantik ergießen. Menschenleben sind zwar kaum gefährdet.

Das Gebiet ist dünn besiedelt. Wohl aber steht die einzige, in schwierigem Gelände erst 1974 fertiggestellte Rundstraße auf dem Spiel. Sie führt am Gletscher vorbei und verbindet die Hauptstadt Reykjavik mit dem Süden und Osten der Insel.

Scharen von Journalisten - die größte Medienversammlung auf Island, seit sich hier 1986 Ronald Reagan und Michail Gorbatschow zu einem Gipfeltreffen über Abrüstungsfragen trafen - warten auf ein Ereignis, das allein auf Island zu beobachten ist. Denn nirgendwo sonst stehen Feuer und Eis in so innigem Kontakt miteinander, brechen unter mächtigen Gletschern immer wieder Vulkane aus, die eine von den Isländern als jökulhlaup (Gletscherlauf) bezeichnete spektakuläre Flut auslösen.