Die Winden quietschen. Langsam versinkt das Netz in der Tiefe.

Meter um Meter läßt die Besatzung der Challenger das Stahlseil ab. Fast vierzehn Kilometer der stählernen Trosse sind in den Tiefen des Nordatlantiks verschwunden, als die Windenmotoren endlich gestoppt werden. Nun kehrt Ruhe ein. Die Männer an Bord brauchen viel Geduld. Erst in zwölf Stunden wird der Fang aus der Tiefe auf den Decksboden des britischen Forschungsschiffes glitschen.

Die Besatzung jagt weder Heringsschwärmen noch Kabeljaubeständen hinterher. Der ersehnte Fang trägt exotische Namen wie Chauliodus sloani oder Melanocetus murrayi. Kein Mensch käme auf den Gedanken, die Beute in die Pfanne zu hauen. Statt in die Kombüse wandert der Fang auf die Labortische an Bord: Fische aus der Tiefsee, angepaßt an das Leben in ewiger Dunkelheit. Viele von ihnen haben den Weg aus der Tiefe von einigen tausend Metern bis an die Wasseroberfläche nicht überlebt. Der enorme Druckunterschied hat ihre Schwimmblasen platzen lassen.

Die Männer der Challenger sind Wissenschaftler, Molekular- und Neurobiologen, Anatomen und Ökologen. Sie kommen aus Australien, England und Schottland, auch Amerikaner und Deutsche sind an Bord.

Einer von ihnen ist Hans-Joachim Wagner, Anatom aus Tübingen.

Einen Monat lang ist die buntgemischte Crew unterwegs. Immer wieder wird das Netz hinabgelassen. Immer wieder zerren die Forscher neue bizarre Lebensformen ans Tageslicht.

Ortswechsel: Der Weg zum anatomischen Institut auf dem Tübinger Österberg führt über Stiegen und Treppen steil hinauf. Im Keller des ehrwürdigen Gebäudes liegen Leichen in Formalin. Wagner residiert zwei Stockwerke über den düsteren Gefilden. Vor vier Jahren wurde der Biologe als Direktor an die Tübinger Anatomie berufen - eine Ausnahmeerscheinung: Mediziner bleiben am liebsten unter ihresgleichen.