Parteitage gehören nicht zu Volker Rühes schönsten Erfahrungen.

Sie haben etwas Unberechenbares. Aus heiterem Himmel können dort viele Delegierte einen kraftstrotzenden, selbstbewußten Politiker zu Fall bringen. Ganz einfach, per Stimmzettel. Das hat Volker Rühe schon einmal erlebt, 1992 in Düsseldorf. Aus der damaligen Niederlage - von ihr ist später noch die Rede - gibt er sich demonstrativ unabhängig, als wolle er zeigen: Seht her, ich bin ein Mann ohne persönliche Ambitionen. Penibel meidet er die Attitüde des politischen Kronprinzen. Seine allgemeinpolitischen Interventionen sind selten geworden, in andere Ressorts mischt er sich nicht ein. Volker Rühe konzentriert sich auf sein Amt. Seit viereinhalb Jahren ist er Chef auf der Hardthöhe, nicht ohne Konflikte, aber zunehmend unangefochten.

Natürlich spürt er, daß sein Stern wieder steigt. Man muß weit zurückgehen, flachst er, bis man einen Minister findet, der länger auf der Hardthöhe gedient hat als er. Rühe lacht. "Eine ziemlich lange Zeit." Er läßt den Satz wirken und lacht wieder. Kein Wort davon, daß er sich einmal ein anderes Amt vorstellen könnte, eines mit noch mehr Einfluß. Aber die Botschaft klingt durch: Man muß nicht alt werden auf der Hardthöhe, gerade wenn man so erfolgreich ist. Time hat ihnjüngst als eine von zehn deutschen Persönlichkeiten präsentiert, die künftig eine bedeutende Rolle spielen werden.

Wolfgang Schäuble fehlte auf dieser Liste.

An Selbstbewußtsein hat es Rühe nie gemangelt. Jetzt hat er dafür sogar echte Gründe vorzuweisen. Der Einsatz der Bundeswehr im früheren Jugoslawien läuft planmäßig, ohne Pannen, ohne Schlimmeres.

Das Folgemandat wird Ende des Jahres im Bundestag beschlossen, aller Voraussicht nach ohne nennenswerte Kontroverse.

Als Rühe sein Amt antrat, war die Teilnahme deutscher Soldaten an internationalen Einsätzen zentrales Streitthema. Die Neudefinition der Bundeswehr galt als das prekärste Problem der deutschen Politik nach dem Ende des Kalten Krieges. Massive politische Widerstände und ein breiter gesellschaftlicher Konsens standen dagegen, die jahrzehntelange militärische Abstinenz aufzugeben. Rühe wußte das: "Man kann die Instinkte nicht von oben wegkommandieren", lautete seine Parole. Sie erwies sich als gute Basis, die "Instinkte", die auf Zurückhaltung drängten, abzubauen - ganz behutsam und zielstrebig. Und schneller als erwartet.