Forschungsminister Jürgen Rüttgers thematisierte jüngst vor der CDU-Senioren-Union unsere "Nörgelkultur", die er ablehnte. Zu Unrecht. Wenn die Hysterie, wie der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan beschrieben hat, am Anfang jeder Wissenschaft steht, dann beginnt alle Politik, verstanden als soziale Bewegung, stets mit einem Lamento.

Gewiß, man kommt immer wieder zusammen, um gemeinsam etwas zu unternehmen, und dann bleibt es bloß beim Meckern - wobei jeder hinterher sogar noch das Gefühl hat, sich prächtig unterhalten zu haben. Bereits Bismarck hat darüber geschimpft: "Es ist so leicht, so unfruchtbar, alles zu negieren . . . und sicher zu sein, daß man nie auf die Probe gestellt werden kann, selbst zu versuchen, es besser zu machen." Man kann das jedoch auch positiv sehen - dann ist das meiste Lamentieren erst einmal ein Schwungholen: Lerne klagen, ohne zu leiden!

Die "Jammer-Ossis" sind noch reinste Waisenknaben gegenüber der Bardame des "Club Sophie" am Berliner Savignyplatz zum Beispiel, die neulich im feinsten Fummel, mit Gold und Silber behangen, die halbe Nacht lang darüber klagte, daß das Sozialamt - "diese Schweine" - ihr gerade das Schuhgeld gestrichen habe.

Einer nach dem anderen spendeten wir ihr einen Piccolo zum Trost.

Ich versuchte es schließlich mit einem Teneriffa-Witz: "Das Wetter war bombig, das Hotelessen super, der Strand einmalig, dito das Wasser . . . Was für ein Scheißurlaub: Wir haben nichts, über das wir uns beschweren können." - Es half nichts!

Die Nörgelkultur, die von Rüttgers angegriffen wurde, verdient es, in voller Breite ausgelotet zu werden. Recht eigentlich gehört sie zum europäischen Erbe, zu unserer Identität, und steht somit in krassem Gegensatz zum amerikanischen Dumpf-Optimismus, den es zurückzuweisen gilt, und dies um so heftiger, je mehr wir uns jetzt (erneut) Rußland zuwenden, wo das "Recht zum Unglücklichsein" fast Verfassungsrang hat.

Nach Marx, Engels, Adorno und Horkheimer erinnerte uns jüngst eine japanische Jungautorin, Yoko Tawada, die 1982 mit der transsibirischen Eisenbahn nach Deutschland kam, noch einmal an die Notwendigkeit der klassischen Nörgelkultur: "Europa ist eine Meisterin der Kritik, und das macht eine ihrer Eigenschaften aus. Wenn sie nicht kritisiert, so verschwindet sie. Vor der Nichtexistenz fürchtet sie sich am meisten. Ich versuchte auch, Europa zu kritisieren, aber es gelang nicht: Ich konnte höchstens ihre Selbstkritik wiederholen. Kritik ist für mich noch nie eine kreative Form der Äußerung über mich selbst und über das Fremde gewesen. Für sie ist es aber unehrlich, verlogen oder fast unmoralisch, nicht sich selbst und die anderen zu kritisieren. Sie erzählt nie von einer Person, einem Geschehen oder einer Institution, ohne sie zu kritisieren. Nicht weil sie alles schlechtmachen will, sondern weil die Kritik die Grundform ihres Denkens ist."