Karawanen schätzten es als Wegweiser zur Stadt, zum Tode Verurteilte fürchteten es als Hinrichtungsstätte: Das Minarett Kalan in Buchara war den einen Ziel, den anderen das Ende alles Irdischen. Zum Bündel verschnürt und in einen Sack gestopft, wurden Verurteilte von dem fünfzig Meter hohen Turm gestoßen. Überlebt haben soll den Sturz einst eine schöne Frau, die ihre Richter um einen letzten Wunsch gebeten hatte: noch einmal alle Gewänder tragen zu dürfen, die ihr Mann ihr geschenkt hatte. Vor der Bezichtigung zum Ehebruch muß der Mann sie sehr geliebt haben, denn das Geschleppe in den hohen engen Turm wollte lange Zeit kein Ende nehmen. Und als die Frau schließlich alle Kleider übereinander gezogen hatte, war sie rundum so gut gepolstert, daß der Sturz ihr nichts anhaben konnte. Dieser Legende wegen, so erzählen die Menschen in Buchara augenzwinkernd, schenken junge Männer ihren Bräuten Kleider statt Blumen.

Wer heute die steinernen, ausgetretenen Stufen in dem dunklen Turm erklommen hat, genießt eine unvergleichliche Aussicht über die Stadt an der Großen Seidenstraße, entlang der einst Karawanen Gewürze und Gold, Edelsteine und Erzählungen transportiert haben.

Kunstvolle Kuppelbauten, Moscheen und Medresen, in denen die Suren des Korans gelehrt wurden, sind dicht aneinandergereiht: Die Altstadt der "Edlen", so der Beiname der Stadt im heutigen Usbekistan, gleicht einem Architekturmuseum des Orients.

Direkt neben dem Minarett Kalan steht die gleichnamige Moschee.

Zwischen dem mächtigen Eingangsportal und dem Hauptgebäude liegt der Innenhof - durch eine Galerie mit Kuppeldächern begrenzt und abgeschirmt vor der profanen Welt. Ruhe bestimmt die Atmosphäre.

Die dicken Mauern spenden wohltuende Kühle, vereinzelt kreuzen Mauersegler die Luft. Obwohl die alten Stätten des islamischen Glaubens zu einem großen Teil Baudenkmäler und als solche touristische Ziele sind, stören meistens keine weiteren Besucher das Eintauchen in diese Oasen der Stille.

Dem Staat Usbekistan wäre es anders freilich lieber. Die Touristenströme aus der ehemaligen DDR sind lange schon versiegt. Neue Besucherkreise soll eine Touristikzentrale erschließen, die von der Regierung der ehemaligen Sowjetrepublik in Oberursel, nahe Frankfurt am Main, eröffnet wurde.