BONN. - Am 31. Oktober wird Helmut Kohl als Kanzler länger amtiert haben als Konrad Adenauer. Als Historiker wird Helmut Kohl am besten wissen, was dieser Tag historisch bedeutet - nichts. Das Historische an einem Politiker hängt nicht von der Dauer seiner Amtszeit ab, sondern davon, wofür er stand, was er bewegen konnte und welche Erfolge er aufzuweisen hat.

Die Mediengesellschaft wird diesen irrelevanten Festtag trotzdem mit allerlei journalistischen Metaphern übergießen. Wie immer wird dabei keine "Originalität" ausgelassen werden: Der Enkel übertrifft den Großvater ein deutscher Kanzler-Rekord im olympischen Jahr Kohl tritt aus dem Schatten Adenauers. Alles barer Unsinn.

Helmut Kohl ist Helmut Kohl und Konrad Adenauer ist Konrad Adenauer.

Alles hat seine Zeit. Jede Zeit hat ihren Kanzler.

So gibt dieser Tag nicht Anlaß zum Vergleich, sondern dazu, das Unvergleichliche an Kohl herauszustellen und zu würdigen. Helmut Kohl ist vor allem eines: unvergleichlich erfolgreich. Er selbst philosophierte einmal über den Ausgang der Bundestagswahl 1976.

Damals verfehlte die Union mit ihm, dem damaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten, knapp die absolute Mehrheit. Und er glaubt heute, daß eine Kanzlerschaft 1976 für ihn zu unvorbereitet und zu früh gekommen wäre.

Wahrscheinlich war diese Niederlage, so Kohl heute, sein erster Sieg, denn er ist ein Kanzler mit Anlauf. Er wollte Kanzler werden und hat diesen Willen so stark manifestiert, daß er andere ansteckte und überzeugte. Auch heute wirkt seine trotzige Willenskraft.