Diesmal sollen alle zur Kasse gebeten werden, verspricht Waigel, der im berüchtigten Streichquintett zusammen mit Schäuble, Kanther, Seehofer und Stoiber die erste Geige spielt. Um nun die Wirkung auf die Opfer möglichst spontan zu testen, wurde in Bonn zum Großen Lauschangriff geblasen, und zwar mit Hilfe eines elektronischen Wunderwerks namens Open Ear.

Sein Erfinder, Ralf Platzl, gewährte mir eine Sondervorführung und begleitete mich dazu in einen hermetisch abgeschlossenen, halbkugelförmigen Raum. Er nahm mich beim Arm:

"Ich werde Ihnen jetzt ein paar Mitschnitte vorspielen von den Reaktionen der Betroffenen auf die jüngsten Sparvorschläge."

Auf einen Knopfdruck hin erfüllte ein herzzerreißendes Jammern den Raum. Ich hielt mir die Ohren zu. "Das sind die geschockten Beamten just in dem Moment, als sie die bittere Pille ,Besteuerung der Altersversorgung` schlucken mußten. Und dieses verzweifelte Wimmern, das sind die Aktionäre, denen Schäuble eine Gewinnsteuer auf ihre Aktien bescheren will".

Aus dem Lautsprecher drang ein furchtbares Stöhnen. "Das sind die von Abgaben bedrohten Immobilienbesitzer."

Wieder bediente er seinen Knopf. Ein wildes Konzert von Autohupen war zu hören. Platzl erläuterte: "So äußert sich der Protest der Autofahrer gegen Stoibers Autobahn-Vignetten-Idee". Unmittelbar darauf war ein vielstimmiger Klagechor zu vernehmen:

"Das sind die Leidtragenden von Seehofers Gesundheitsreform. Das Gezeter im Hintergrund sind die schwer angeknacksten Krankenkassen, denen der Minister die Beitragserhöhung unterbunden hat. Und die Schmerzensschreie dazwischen, das sind die Patienten, denen eine erhöhte Selbstbeteiligung aufgebrummt wurde. Dieses Kriegsgeheul stimmen die Ärzte an, die wegen der Kostendämpfung ihre gerade gebuchte Karibik-Kreuzfahrt stornieren müssen. Was hören Sie jetzt?"