Immer wenn ich aufs Land fahre, fällt mir ein alter Ufa-Film ein, "Ferien auf Immenhof": glückliche Menschen, springende Pferde, greller Sonnenschein. Dann bin ich sehr unzufrieden, daß ich mit Natur und den Menschen, die sie bevölkern, nicht mehr verbinde als falsche Idyllen, rote Bäckchen und Dorfhochzeiten, während ich mich in jedem Horrorfilm fast wie zu Hause fühle.

Trotz allem fuhr ich auch diesmal wieder aufs Land, zunächst von München in Richtung Murnau. Die übliche Antiklimax: in Lochham ratlos, in Weilheim hilflos. Dann fuhr der Zug in Murnau ein, und ich mußte umsteigen, am selben Bahnsteig gegenüber.

Die Strecke war jetzt eingleisig, und ein Zug mit nur zwei Personenwaggons schleppte sich auf eine Seehöhe von achthundert bis neunhundert Metern hinauf, verschnaufte an jeder Milchkanne und brachte den Fahrgast Halt für Halt ins Reich des Sonderbaren, vorbei an menschenleeren Stationen: "Seeleiten/Berggeist". Die Sitten im Zug wurden rauher, ein aggressives Gemisch aus Zigarettenqualm und Dialektschwaden, und die Kühe vor dem Zugfenster nahmen überhand. Dann erreichte die Bahn Oberammergau, ein Dorf mit gut 5000 Einwohnern, weltberühmt für seine Passionsspiele.

Nicht weit von Oberammergau liegen das Kloster Ettal und Linderhof, ein Schloß des bayerischen Märchenkönigs. Bis nach Garmisch-Partenkirchen sind es kaum zwanzig Kilometer. Doch wenn man Oberammergau gerecht werden will, müßte man sagen: Das oberbayerische Dorf liegt irgendwo zwischen Texas, Manchester und Stockholm. Der größte Teil der Passionsspielbesucher kommt aus Amerika, England und Skandinavien.

Dann fallen täglich mehrere tausend Nichtkatholiken in ein Dorf ein, das katholisch und idyllisch ist bis in die Knochen. Und doch ist Oberammergau von Immenhof sehr weit entfernt. Schwer lastet das Gelübde von 1633 über dem Dorf.

Damals wütete im Ammertal die Pest. " . . . in diesem Leydwesen sind die Gemeinds-Leuthe Sechs und Zwölf zusammengekommen und haben die Passions-Tragödie alle 10 Jahre zu halten Verlobet, und von dieser Zeit an ist kein einziger Mensch mehr gestorben".

Jedenfalls nicht an der Pest. Damit das so bleibt in diesen Zeiten der neuen Seuchen, halten sich die Oberammergauer streng an ihr Versprechen.