HOHENWUTZEN. - Schwein- und Rindfleisch dürfe man wegen der Maul- und Klauenseuche nicht einführen, und Kartoffeln müsse man zu Hause lassen, weil die Nachbarn sich vor den gemeinen Fäulnisbakterien fürchteten, erklärt der Grenzpolizist mit übertriebener Gestik, als wollte er mitteilen, daß die Leute dort drüben schon eigenartige Marotten hätten. Doch er, der Grenzpolizist, könne versichern, daß man keine Angst zu haben brauchte, wenn man weder Fleisch noch Kartoffeln mitführte, und ansonsten, so beendet er seinen Vortrag, seien die Polen ja ganz nette Menschen.

Hohenwutzen heißt ein kleiner Ort an der polnischen Grenze, unweit von Eberswalde, den wahrscheinlich kaum jemand kennen würde, wenn nicht jenseits der Oder ein noch kleinerer Ort sich befände, der aber, abgesehen davon, daß er so klein ist, den unschätzbaren Vorteil eines Polenmarktes bietet. Entlang der Grenze gibt es zwar viele Polenmärkte, in Slubice gegenüber von Frankfurt an der Oder zum Beispiel, doch Osinów Dolny ist besonders beliebt: Die Preise seien dort noch niedriger, und zudem könne man nach dem Einkauf einen Ausflug ins touristisch halbwegs interessante Cedynia machen, erlärt Frau Bülow. Sie und ihr Mann fahren regelmäßig nach Osinów Dolny, ab und zu auch mal zu einem anderen Markt.

Polen sei für sie überhaupt ein großes Kaufhaus. Sie könnten es daher beurteilen, wo es billig sei und wo nicht. "Osinów", sagen sie neckisch, "ist unser Favorit." Und im übrigen würde man schreckliche Dinge über die anderen Polenmärkte hören, von wegen Überfälle und so, das sei in Osinów völlig anders.

Familie Bülow wohnt in Hohenwutzen. Die Nähe zum polnischen Supermarkt bringt allerdings auch Nachteile: "An Wochenenden ist bei uns der Teufel los. Überall Autos, Autos und nochmals Autos. Seitdem die Autobrücke nach Osinów gesperrt ist, sieht man vor lauter Autos Hohenwutzen nicht mehr. Da bleibt einem ja fast nichts anderes übrig, als auch einzukaufen", sagt Herr Bülow. "Den Wodka mit Büffelgras gibt es bei Kaisers eh nicht, und da mein Mann gerne einen hebt, freut er sich ungemein auf jedes Wochenende", ergänzt Frau Bülow.

Genaugenommen gibt es zwei Märkte: eine Markthalle namens Dom Handlowy direkt hinter der Grenze und einen großen Marktplatz in Osinów Dolny selbst. Früher, als man die Grenzbrücke noch mit dem Auto passieren konnte, sind die meisten Besucher nach Osinów Dolny gefahren dort war angeblich die Auswahl größer. Seit Mai dieses Jahres ist die Brücke wegen Bauarbeiten für den Straßenverkehr gesperrt, und weil das Auto momentan in Hohenwutzen stehenbleiben muß, kauft man jetzt im nahen Dom Handlowy ein. Wer nach Osinów Dolny will, muß mit dem Taxi fahren, und das kostet vier Mark.

Da man nach Polen gekommen ist, um zu sparen, wird dieser Markt nun gemieden. Man könnte auch zu Fuß dorthin gehen, drei Minuten dauert der Marsch, doch das macht keiner.

Viele Stände auf dem großen Markt in Osinów Dolny sind daher geschlossen.