Sternstunden kommen, wann sie wollen, und nie von ungefähr. Auch nicht für den mit vielen Wissenschaftspreisen, kollegialer Bewunderung und beachtlichem finanziellem Erfolg verwöhnten Chemieprofessor Carl Djerassi von der Stanford-Universität in Kalifornien. Der "Vater der Pille", so gepriesen von begeisterten Frauen und Medien, die sich von der von ihm synthetisierten Hormonpille die sexuelle Revolution im Schlafzimmer erhofften, war 1938 als Schuljunge mit der Mutter der Judenverfolgung in Wien entkommen und hat über Bulgarien - die Heimat seines von der Mutter getrennten Vaters - in Amerika eine neue Heimat gefunden.

Carl Djerassi, mittlerweile knapp über sechzig, hatte seine Sternstunde vor genau zehn Jahren. Nicht im Forschungslabor, dem eigentlich passenden Ort für Wissenschaftler, sondern im Krankenbett nach dem Erwachen aus einer langen Narkose auf der Intensivstation eines kalifornischen Hospitals. Dort mußte der Chemiker hin und nicht zum eigentlich vorgesehenen Gipfelsturm auf die Gletscher im Himalaya, wo er im ewigen Schnee, fern aller beruflichen Hetze, über sein zukünftiges Leben und andere Ziele nachdenken wollte.

So kam die Sternstunde des Professors durchaus nicht unerwartet, und es ist auch für die Erweckung, die sie ihm bescherte, gleichgültig, ob die Anrührung seiner Psyche virtuell oder real war. Oder auch nur ein schlauer, von ihm für notwendig gehaltener Trick für seine zweite Karriere als Romancier. In jedem Fall traf sie auf einen Gelehrten in einer späten Midlife-crisis. Die mag von zerbrochenen Ehen, dem nahenden, durch Krankheit gefährdeten Alter, aber auch von Mißgunst und Neid der Kollegen verschärft worden sein. Für die Stammesmitglieder der Scientific community, zu denen der Flüchtling aus Europa zählte, ist Bewunderung ein Lebenselixier. Diese akademischen Triebfedern für den Erfolg zwingen gerade den Erfolgreichen in eine Außenseiterrolle. Da helfen auch Ehrendoktorate und wissenschaftliche Preise, öffentliche Würdigung durch Präsidenten (wie Nixon) nur wenig. Die Einsamkeit auf schwindelnder Höhe bleibt.

Da sei er auf die Bremse getreten, vertraut Djerassi seiner 1992 publizierten Autobiographie an, weil er die Existenz einer literarischen Goldader in Kopf und Herz entdeckt habe. Bevor er seine Claims absteckte, hat der Chemieprofessor seine akademische Spielwiese gründlich umgegraben.

Jetzt sitzen nicht mehr nur Chemiestudenten, sondern überhaupt junge Leute aller Fachgebiete zu seinen Füßen. Die Psychologen und Soziologen, Mediziner, Juristen und Theologen suchen bei dem Chef des Supermarkts der Verhütungsmittel und -methoden nicht nur praktischen Rat, sondern Wegweisungen für ethische und soziale Implikationen in dem - nicht nur in den Vereinigten Staaten - boomenden Geschäft der modernen Reproduktionstechnik. So lädt der Chemieprofessor in Stanford nicht mehr wie früher bloß zum Unterricht in organischer Chemie ein, sondern fordert die Studenten aller Fachbereiche auf, an seinen Gedanken über human biology teilzunehmen.

Seine Seminare sind überfüllt, besonders wohl auch, weil feministische Themen behandelt werden. Zur Selbstverwirklichung der Frau, so schreibt er beispielsweise in dem eben erschienenen Buch "Menachems Same", gehöre auch die Autoerotik, also die Masturbation. Djerassi scheut, was das Geschlechtliche angeht, nie detaillierte Beschreibungen.

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