Karl Dietrich Erdmann galt bislang als einer der ganz wenigen prominenten westdeutschen Historiker, die im "Dritten Reich" standhaft geblieben waren, ja ganz bewußt auf eine wissenschaftliche Karriere verzichtet hatten, um sich nicht kompromittieren zu müssen.

Noch im Nachruf auf den 1990 verstorbenen Kieler Ordinarius schrieb sein Schüler Eberhard Jäckel: "Er war nie Nationalsozialist, und anders als viele machte er auch keine Kompromisse."

Dieses Bild - daran lassen die von Martin Kröger und Roland Thimme vorgelegten und sorgfältig interpretierten Dokumente keinen Zweifel - muß revidiert werden. Erdmann begegnet uns darin als ein junger Akademiker, auf den der Nationalsozialismus eine große Anziehungskraft ausübte, der wesentliche Elemente der NS-Ideologie akzeptierte und sich bereitwillig an deren historischer Legitimierung beteiligte.

Als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Paris 1933/34 engagierte sich der 23jährige Historiker, der gerade bei Wilhelm Mommsen in Marburg über "Das Verhältnis von Staat und Religion nach der Sozialphilosophie Rousseaus" promoviert hatte, in der Abwehr der "Emigrantentätigkeit". Er warb in Vorträgen und Diskussionen für den neuen nationalsozialistischen Staat, der - wie er seine Zuhörer glauben machen wollte - das deutsche Geistesleben keineswegs versklavt habe. Den Ideen der Französischen Revolution stellte er "unser volksstaatliches Bekenntnis" gegenüber er pries "das Recht der soldatischen Lebensform", das er im Nationalsozialismus aufs schönste verwirklicht sah und er suchte, wie er nach Berlin berichtete, "die dem französischen Denken am wenigsten zugänglichen Begriffe, nämlich das Führerprinzip und den Rassegedanken, dem Verständnis des Publikums näher zu bringen".

Diese "Offenheit für nationalsozialistisches Gedankengut" war - so betonen die Autoren zu Recht - keineswegs untypisch vielmehr entsprach sie der Haltung der überwältigenden Mehrheit der deutschen Historiker, die das Ende des Weimarer "Parteienhaders" begeistert begrüßt hatten und sich hingerissen zeigten vom "nationalen Aufbruch" von 1933.

Nach seiner Rückkehr und einem dreimonatigen freiwilligen Arbeitsdienst absolvierte Erdmann seine Referendarzeit und unterrichtete seit Oktober 1936 als Studienassessor in Köln - eine ganz normale Karriere.

Der Schuldienst allerdings füllte ihn nicht aus es zog ihn, wie er seinen Doktorvater Mommsen wissen ließ, "so bald es irgend geht" an die Universität zurück. Um sich zumindest als Dozent für eine pädagogische Hochschule zu empfehlen, griff Erdmann dankbar das Angebot seines Schulleiters, Paul Börger, auf, sich an einem achtbändigen Geschichtsbuchprojekt für Oberschulen und Gymnasien unter dem Titel "Die Erben der Ahnen" zu beteiligen. Er übernahm den 5. Band, der "Die Geschichte des Zweiten und Dritten Reiches von 1871 bis zur Gegenwart" (also bis zum Jahre 1938) behandelte.