Gewaltig sind die Taifune, die in Abständen über die Medienmeere fegen und zum Pläsier der Fernerstehenden einiges für einen Moment durcheinanderwirbeln: Ernst Jünger als Protestler. Die erklärten Feinde aller Rechtschreiber (Enzensberger: "Sesselfurzer") als Kustoden des orthographischen Status quo. Der Spiegel als Gralshüter der Sprache. Das Boulevardblatt, das in Balkenlettern Katastrofe!

schreit, obwohl selbiger dieses Eff mitnichten droht.

Den Schriftstellern und Gelehrten, die mit ihren Statements diese Katastrophenstimmung schüren, ist in zwei Worten zu antworten: Zu spät! Seit über vierzig Jahren ist eine Rechtschreibreform angekündigt. Vor acht Jahren wurde ein erster Vorschlag aufs ausgiebigste öffentlich diskutiert. Die im letzten Sommer beschlossene Minireform lag zwei Jahre lang auf dem Tisch. Und wo, bitte, waren sie damals?

Rechtschreibung, das war doch einfach immer ein viel zu ödes Thema, das man wirklich nur den Sesselfurzern und Korinthenkackern und Erbsenzählern überlassen konnte in gewisser Weise sogar zu Recht.

Sprache ist schließlich nicht dasselbe wie Orthographie, und die Nähe zur Sprache, die ein Schriftsteller besitzt oder besitzen sollte, bedeutet nicht notwendig ein besonders inniges Verhältnis zur Rechtschreibung, schließt es bisweilen sogar aus. Warum dann jetzt die Aufregung? Um noch einmal den alten Kick der Resolutionen zu spüren, den bitteren Lustschauer, alles besser zu wissen, und zwar aus dem Stand, aber wieder einmal hört ja niemand auf einen?

(Zur Ehre einiger, Martin Walsers etwa, sei gesagt, daß sie sich, einzeln befragt, wesentlich gescheiter äußern denn als Unterschriftsteller.)

Wenn bei der Verspätung wenigstens die Argumente um so bestechender wären. Aber es ist immer das gleiche Gemisch aus halb richtigen und ganz falschen Behauptungen.