Wie kuschelig Kunst doch sein kann: Lauter bunte Riesenknautschkissen lagern im ersten Saal des Pariser Musée d'Art Moderne, laden uns ein zum Rekeln, Flätzen, Kindsein. Eine versöhnliche Geste, damit wir unseren Ekel wegschmusen, unseren Schrecken verlieren vor den jungen englischen Künstlern, die sonst so gerne ungeschlacht um sich schlagen. Doch weit und breit keine gehälftelten Kälber, keine Tierkadaver, wie sie Damien Hirst gerne ausstellt, eingelegt in suppende Formaldehyd-Aquarien auch verwesende Tierschädel, aus denen sich die Larven quälen, sind nicht in Sicht selbst die mutierten Schaufensterpuppen der Chapman-Brüder, übersät mit Geschlechtsteilen, sind wohl daheim geblieben.

Statt dessen überall Fernsehschirme, und gleich vom ersten grüßen uns salbungsvoll zwei altbekannte Gesichter: Gilbert & George, die graumelierten Gevattern der Wort- und Körperkunst. Zehn Gebote haben sie sich zurechtgelegt, für ihre Künstler-Kollegen, von denen viele noch unter dreißig sind und die überall in Europa beflüstert werden. Sie seien, so raunt man, die quirlige Zukunft.

"Du sollst das Leben neu erfinden", rufen Gilbert & George ihnen zu, "Du sollst ein Botschafter der Freiheiten sein", und "Du sollst nicht genau wissen, was du tust, aber du sollst es tun." Zum Auftakt der Avantgarde-Schau also kein Manifest - eher ein süffisantes Plädoyer für mehr Sinn und Subjektivität. Ring frei, für eine neue Runde insularen Eigensinns: Schluß mit ästhetisierter Äußerlichkeit, inhaltsscheuer Inszenierung, keimfreier Komakunst! Jetzt wird's persönlich.

Viele der jungen Künstler wagen sich mit verblüffend intimen Einblicken vor, erzählen von sich selbst - so wie Richard Billingham, mit seinen eindrücklichen Familienphotos: Er zeigt welken Arbeiteralltag, seinen in Alkohol konservierten Vater, seine schwammige, sich mit Tätowierungen schmückende Mutter. Für Billingham sind es Tagebuchnotizen, die das Erlebte ausgraben und auf Abstand bringen, die intim sind und trotzdem niemanden bloßstellen.

Für leeres Spektakel ist den meisten Jungkünstlern die Sache zu nah: Selbst Skandalahnen wie Hirst und die Gebrüder Chapman sind diesmal mit leiseren, erzählerischen Arbeiten zu sehen. Viele ziehen aus zur Reportage, so wie Matt Collishaw, der eine Frau filmte, die mit ihrem Kind auf den Treppen eines U-Bahn-Schachts sitzt und den vorbeistürzenden Passanten den Bettelbecher entgegenstreckt.

Collishaw projiziert die Szene in eine riesige Schüttelschneekugel, bekannt aus dem Andenkenhandel, und spielt dazu eine kühle, treibende Popmusik. Die Kritik soll beiläufig sein, hingetupft, ohne Vorwurf an irgendwen kein Künstler der Pariser Ausstellung zeigt die Zunge, reckt den Zeigefinger oder ballt die Faust. Die Gesellschaftskritik bleibt Skizze.

Videoskizze vor allem. Was jahrhundertelang Bleistift und Kohle waren, ist heute die Kamera - mit ihr gehen die Künstler auf die Pirsch. "Life/live", so der Ausstellungstitel, soll das Leben eingefangen werden, in Echtzeit. Doch fades Leben wird auch in unscharf hingewackelten Filmchen nicht spannender: zuwenig Kommentar, zuviel bloßes Abbild. Da verspeist bei Sarah Lucas ein Mädchen erst ein Würstchen und danach eine Banane, bei Sam Taylor-Wood singt eine nackte Frau, bei Gillian Wearing lümmeln und langweilen sich vier pubertierende Jungs. Flickernde Bilder ohne flackerndes Leben.