Ein Rat für alle Amerikabesucher: hierzulande erwarten Kellner und Kellnerinnen einen guten Tip - in der Form von Bargeld. Denn tip ist bei uns der Ausdruck für Trinkgeld. Und damit werden Ober großzügig bedacht. Nur muß einer es nicht so weit treiben und nach dem Genuß eines einziges Drinks, der 3,95 Dollar kostete, die Serviererin gleich mit 1000 Dollar beglücken.

Diesen Tip muß ich einfach geben, nicht nur weil die Trinkgeldsitten in meiner Heimat viele Europäer verwirren. "Am Ende eines Abendessens in Amerika muß man zum Taschenrechner greifen", klagte unlängst ein deutscher Freund, "was sind 15 Prozent von 89 Dollar?"

Er braucht meinen Rat eigentlich schon nicht mehr, er hat, wie seine Frage zeigt, die Grundlagen begriffen. Deutsche neigen eben zum logischen Denken. Sollte ich mich nicht vielmehr an meine eigenen Landsleute wenden? Jenes exorbitante Trinkgeld hat nämlich ein Amerikaner gegeben, ein Kunde in einem Restaurant im fernen Oregon, der einen Gin Tonic herunterstürzte, mit Kreditkarte zahlte und in die eigens dafür vorgesehene Zeile auf dem Beleg (tip) mit leichter Hand eine Eins und drei Nullen eintrug.

Aber davon später mehr. Servierer hierzulande erwarten große Trinkgelder, weil sie weder ein anständiges Grundgehalt bekommen, noch automatisch am Umsatz beteiligt werden. Deswegen sieht man auch in vielen Gaststätten Hinweisschilder mit dem alten Witz Tipping is not a city in China. Also: Trinkgeld wird nicht nach Lust und Laune, sondern in Höhe von fünfzehn Prozent der Rechnung gegeben. Einfach aufzurunden, wie in Europa gewohnt, wäre beleidigend, wenn die Summe unter fünfzehn Prozent liegt. Schlimmer noch, es wäre schädigend.

Wenn ein Amerikaner einen Kellner wirklich ärgern will, dann legt er einen Penny auf den Tisch - und verschwindet schnell durch die nächste Tür.

Denn auch dies ist gang und gäbe: Trinkgeld als Ausdruck von Zufriedenheit oder Unzufriedenheit. Der zivilisierte Gast gibt nur zehn Prozent, wenn ihm Service oder Essen mißfallen haben, aber auch zwanzig Prozent, wenn er sich außergewöhnlich gut bedient fühlte.

Andererseits sind einige Restaurants an den Tummelplätzen europäischer Touristen dazu übergegangen, von sich aus fünfzehn Prozent für die Bedienung auf die Rechnungen aufzuschlagen. Der Kunde ist allerdings nicht verpflichtet, diesen Zusatz zu zahlen. Von dem gesetzlich verbrieften Recht, das Trinkgeld gegebenfalls zu kürzen oder ganz zu streichen, erfährt er nur durch einen kaum lesbaren Hinweis auf der Quittung.