Einer Zeitungsmeldung des Sommers zufolge ist in Dänemark die Selbstmordrate am höchsten in der Welt. Möglicherweise ist also am schwersten zu ertragen, daß, wenn alle Probleme gelöst sind, das Glück dennoch ausbleibt. Dänemark fungiert in dem Erschrecken, das diese Meldung auslöste, als ein Symbol für die gesellschaftliche Puppenstube: friedliche blonde Säuglinge an der Brust des Lebens, die an der eigenen hilflosen Erbitterung zugrunde gehen. Hinter diesem Erschrecken steht eine Auffassung, die uns schon derart selbstverständlich ist, daß Widerspruch ganz unnatürlich scheint: der tiefe Glaube daran, daß die ruhige Verwaltung des Lebens zum Tode uns zur Zufriedenheit, wenn nicht zum Glück verhelfen muß.

Dabei würde ein Blick in die eigene Kindheit genügen, um wieder genau zu wissen, daß behütete Räume, freundliche Erzieher und kindgerechte Legosteine Alpträume, Prügeleien und bittere Tränen nicht bannen können.

Die österreichische Dramatikerin Maria Georg Hofmann hat einen tiefen Blick in ihre Kindheit getan, eine Kindheit auf der anderen Seite Europas, im historischen und kulturellen Chaos: Sie ist in Ungarn aufgewachsen, zur Zeit des Reichsverwesers Horthy, der Nazis und des Krieges, der Bombardierungen und der Flucht. Bei Maria Georg Hofmann findet sich die ganze Unordnung der Wirklichkeit, durch die sozialen, religiösen, geschlechtlichen Verzweigungen einer großen Familie garantiert: katholische, aber auch jüdische Namen, arme Verwandte auf dem Land, Beamte mit korrupter Laufbahn, Neureiche in der Metropole Budapest, Handwerker, ein angeheirateter Edelmann und sogar ein Nobelpreisträger. Zahlreiche Tanten ohne bemerkenswerte Mitgift, die gleichwohl heiraten wollen, ein verstörter Dichter mit großen Träumen, ein wunderlich behindertes Kind.

Und die Erzählerin selbst, die Mädchen wider Willen ist, weil sie schon früh begreifen mußte, wie es so zugeht auf der Welt: Unter dem Wort "Genie" im umfangreichen Lexikon sind nämlich nur Männer aufgeführt - die schreiben Symphonien, entdecken Atome und führen Theaterstücke auf, deren Leben scheint lebenswert und interessant. Am Ende des Romans löst sich ein Rätsel, das ihre sexuelle Verwirrung mitbegründet hat, aber die Unordnung bleibt: Das Kind mit den zwei Namen hat schon zu genau erfahren, mit welchem es besser durchs Leben kommt.

Meist kämmt Erinnerung die Läuse aus dem Schopf, entwirrt die Knoten, macht aus dem langen Leben einen glatten Zopf. Bei Maria Georg Hofmann ist Erinnerung so abgebildet, wie sie tatsächlich funktioniert: als ein Gewirk aus eigenen Bildern und fremden Sätzen, als eine Vergegenwärtigung von Fremdheit, wo Nähe verordnet war - und als die Erfahrung von Vertrauen, wo Befremden, nach der Logik der immer schon wissenden Erwachsenen, angezeigt gewesen wäre. Der lange Atem ihrer Erzählung verbindet die vielen Geschichten zu einer Lebensgeschichte, ohne dort Ordnung zu schaffen, wo Unordnung das Lebendige ist. Die Historie greift brutal in diese Kindheit ein, der Zufall ist häufig ein Schrecken, das Verläßliche selten angenehm. Aber dort, wo das Kind selbst es nicht erwartet, wendet das Schreckliche sich auch zum Schönen, gibt eine lichtlose Situation einen unerwarteten Weg frei.

Sentimentalität und jener Optimismus, den Phantasielosigkeit grundiert, kommen in diesem autobiographischen Bericht nicht vor - dafür aber ist er durchzogen von einem scharfen Sinn fürs Groteske.

Denn das Groteske, lehrt dieses Buch, ist keine Verzerrung der Wirklichkeit es ist im Gegenteil öfter mit ihr identisch, als wir es glauben wollen.