Ein Schiff hätte kommen sollen, heute abend. Sechsunddreißig Meter lang, sieben Meter breit, glitzernde Lichterketten rundherum und an Deck die augenblicklich beste Koloratursoubrette Carolin Fortenbacher nebst Musikkapelle und Tschingderassassa. Herr Starck vom Pressebüro des Theaters ruft an und läßt ausrichten: Jawoll, es klappt, Sponsoren in Sicht, Schiff kommt!

Das Schiff, ein Fahrgastschiff namens Heinrich Zille, ausgeborgt bei der Berlin-Brandenburgischen Schiffahrtsgesellschaft, ist Baujahr 1896. Vom Berliner Westhafen her wäre es die Beusselstraße heraufgefahren, auf einem vierzig Meter langen Tieflader, den Verkehr hätte man anhalten müssen. Alle Ampeln hätte man abgeschraubt und flach gelegt, damit es ohne anzuecken über die Kreuzungen kommt, bis es einbiegt in die Kantstraße und dort festmacht vor dem Theater des Westens. Dann hätte die Kapelle "Kinder, heute abend!" gespielt oder vielleicht "Es grünt so grün!". Und ein Seiltänzer hätte sein Seil gespannt vom Mast bis hinüber zur Balustrade des Rangfoyers und wäre durch die Lüfte hinüberspaziert, winkewinke, hinein in das leuchtende Haus, das von vorne so falschbarock aussieht wie ein Lustschloß der alten Pompadour, von hinten aber streng und keusch wie eine mittelalterliche Burg, mit Schießscharten, Zinnen, Fachwerk, gotischen Spitzbögen und Türmchen (Baujahr 1896).

Dies schauerlichschöne Theatergetüm, vom Ensemble liebevoll "Zuckerdose" genannt oder auch die "Kommode", wird heute hundert Jahre alt.

Drinnen spiegelt schwarzer Marmor, lächeln die goldnen Nackten an den Proszeniumslogen. Oben an der Decke spielen rosige Grazien Posaune, und unten springen die "Piraten" von Gilbert & Sullivan über die Bühne. Schwof auf Treppen und Gängen, Bier und Buletten für alle. Ach, ach. Hat wohl nicht sollen sein. Vorvorige Woche rief Herr Starck wieder an und sagte: Alles abgeblasen, kein Schiff wird kommen.

Mitten in die Festvorbereitung hinein platzte nämlich eine schlechte Nachricht. Kultursenator Peter Radunski gab sein neues Sparpaket bekannt, diesmal geht es dem Theater des Westens an den Kragen.

Das Ensemble soll aufgelöst, das schmucke Gebäude aber, wie es schon dem Schillertheater widerfuhr, umgewandelt werden zu einem Gastspieltheater für Tournee- oder Jahresproduktionen en suite, oder aber man schlägt es dem maroden Metropoltheater zu, als Ausweichquartier oder Nebenspielstätte.

"Eine Schnapsidee nach der anderen", wütet Helmut Baumann, Sänger, Tänzer, Schauspieler, Regisseur und seit dreizehn Jahren Intendant im Theater des Westens. Jetzt spricht er von Rücktritt: Man wisse doch, En-suite-Produktionen nach dem Vorbild der großen kommerziellen Musicalpaläste führen stracks in die "Verarmung" des leichten Genres, das ist keine Kunst mehr, das will er nicht mittragen.