Große Gesten, der Versöhnung zumal, setzen den rechten Zeitpunkt voraus. Den kann man verpassen. Auch Politik kennt ein Verfallsdatum.

Das scheint, was die noch immer ausstehende deutsch-tschechische Erklärung betrifft, langsam erreicht.

Selten ist eine Idee so konsequent zerquatscht und dadurch entwertet worden wie die eines Ausgleichs zwischen Bonn und Prag. Seit mehr als einem Jahr ist die gemeinsame Erklärung so gut wie fertig.

Aber eben nur so gut wie. Es gilt, Rücksichten zu nehmen. Ein Sudetendeutscher Tag mußte abgewartet werden, eine tschechische Parlamentswahl, sogar eine bayerische Kommunalwahl, dann wieder der jährliche Sudetentag. Die deutsche Seite gefiel sich darin, zwischen all ihren Provinzterminen am vielfach für fertig gehaltenen Text immer wieder zu feilen und zu hobeln. Inzwischen sieht sogar der sudetendeutsche Cheflobbyist Stoiber nur noch klitzekleine Defizite. Also alles klar?

Durchaus nicht. Jetzt beginnt aufs neue der Feinschliff der Versöhnungsformel, diesmal in Prag. "Ernsthafte Einwände" gegen den ausgehandelten Text formulierten einige Spitzenpolitiker, die Präsident Havel Ende vergangener Woche in seine Residenz gebeten hatte. Am Ende der Sitzung saß die Staatsspitze, über ein deutsch-tschechisches Wörterbuch gebeugt, zum semantischen Kolloquium beisammen. Offenbar ist immer noch nicht geklärt, ob es sich vor fünfzig Jahren um eine "Vertreibung", eine "Umsiedlung", eine "Aussiedlung", eine "gewaltsame Aussiedlung", einen "Transfer" oder was auch immer handelte. Jedenfalls soll jetzt nachverhandelt werden. Zum wievielten Male eigentlich?

Bei dieser neuerlichen Volte geht es mal wieder weniger um Versöhnung, dafür mehr um Innenpolitik. Oppositionschef Zeman, ein Sozialdemokrat, möchte zeigen, was längst bekannt ist: daß die Minderheitsregierung von Václav Klaus ohne Milos Zeman handlungsunfähig ist. Zudem will Zeman bei der Wahl im November die zweite Kammer, den Senat, erobern - und dabei mit nationalem Gerede Stimmen fangen.

Nach all dem Gezerre, den Peinlichkeiten, den Demütigungen hat die gemeinsame Erklärung längst einen gut Teil ihrer versöhnenden Wirkung verloren. Am Ende kann das Papier nur noch enthalten, was niemandem weh tut. Es wäre ein Muster ohne Wert. Schon jetzt steht es allein für Geheimniskrämerei und Streit, nicht für gemeinsames Bemühen.