Zur Kommunikationsstörung zwischen Ost und West gehört, daß die beiden Völker einander für humorlos halten. Damit haben sie beide recht. Heiterkeit, Ironie, Witz und Satire sind nicht der Deutschen starke Seite, das haben Karl Kraus, Tucholsky und andere Vorväter immergültig festgestellt.

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In der Spannung zwischen Freiheit und Gleichheit hat der ostdeutsche Mensch eine Neigung zum egalitären Prinzip. Er nimmt sich zurück, will ungenannt und ungesehen bleiben, sagt "man" statt "ich"; Frauen sind "Lehrer" und "Arzt" statt Lehrerin und Ärztin. Er tendiert in der Selbstdarstellung zur Untertreibung, will mehr sein als scheinen.

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Bereits heute kenne ich zahlreiche (meist junge) Menschen, für die die Ost-West-Differenz nicht mehr als Ceterum censeo existiert.

Allerdings fassen sie die Veranstaltungen der parlamentarischen Demokratie nicht als pathetische Expedition ins Reich der Wahrheit und der Eigentlichkeit auf, sondern als ein Spiel, einen Satz von Verfahrensregeln, durch die unzählige autonome Teilsysteme den Interessenausgleich betreiben.