Ich weiß wirklich nicht, was all dieses Gerede über Supercomputer soll. Das ist völliger Quatsch, das sind keine Supercomputer, sondern einfache, dumme Dinger." Als Seymour Cray im Jahre 1982 als "Vater der Supercomputer" geehrt werden sollte, fand er das absonderlich. Dennoch hat er sein ganzes Leben damit verbracht, die dummen Dinger immer noch schneller zu machen. Er war der erste, der Vakuumröhren durch Transistoren ersetzte, der erste, der die dicht gepackten, immer von Überhitzung bedrohten Schaltungen erst mit Freon, dann mit Fluorkarbon kühlte. Und er war der erste, der mit RISC-Prozessoren und Chips aus GalliumArsenid sein Glück versuchte. Daß er daran scheiterte, machte ihm nichts aus. Cray fing ohnehin bei jedem neuen Projekt von vorne an; sich mit graduellen Verbesserungen abzugeben, lehnte er ab.

Seine Karriere begann im Zweiten Weltkrieg. Damals entwickelte er bei der Firma ERA die Rechenautomaten Atlas 1 und Atlas 2, die verschlüsselte Botschaften des Feindes knacken sollten. Dann arbeitete er an dem Ungetüm Univac 1103, den viele für den ersten echten Computer überhaupt halten. Dann gründete er die Firma CDC, die lange Zeit die schnellsten Computer baute und sogar IBM aus dem Feld schlug. An einer CDC 6400 erlernte Bill Gates das Programmieren, und auf den Modellen CDC 6600 und 7600 konnten erstmals Atombombentests simuliert werden.

Nach CDC gründete der immer ungeduldige Cray die Firma Cray Research, die mit ihren Rechnern lange Zeit den Markt der Supercomputer beherrschte. Auch dort wurde es ihm bald zu bürokratisch, also gründete er die Cray Computer Corporation, die an der dritten und vierten Generation "echter Crays" arbeitete. Nur zur Endfertigung kam es nie. Mangels Aufträgen vom Militär stürzte die Firma ab; in diesem Frühjahr wurde sie an Silicon Graphics veräußert.

Doch da war Seymour R. Cray schon wieder fort und hatte aus seinen Initialen die SRC International geformt, die sich nun die fünfte Generation der Supercomputer vornehmen sollte. Auch diese erblickte niemals das Licht der Welt, weil der Kalte Krieg inzwischen zu Ende gegangen war. "Unser Problem ist das Timing", erklärte Cray seinen Angestellten in einem Rundbrief. Er wird es nicht mehr lösen können: Am 6. Oktober starb Seymour Cray im Alter von 71 Jahren an den Folgen eines Verkehrsunfalls.

Nun werden die Hinterbliebenen erörtern, welches die bedeutendste Leistung von Cray gewesen ist. Für die Computertechniker werden es die Grundlagen des Vektorrechners sein. Das ist eine Maschine, die langwierige Rechenoperationen aufteilt und an spezielle Prozessoren weitergibt. Für die Computerindustrie aber wird es der Mut zur "Vision" sein. Eine solche Zukunftsschau ist heute unerläßlicher denn je. Mächtige Bosse verloren ihren Posten, weil sie ohne "Vision" geblieben sind: Robert Frankenberg (Novell) und Michael Spindler (Apple) sind Beispiele dafür. Auch bei Louis Gerstner (IBM) werden die "Visionen" schon lauthals vermißt.

Seymour Cray war der König aller Visionäre, er hatte jede Menge davon, je nach Tageszeit und Besucher, behauptet Regis McKenna in seinem Buch "Who's afraid of Big Blue". Denn Cray war auch ein Genie, wenn es galt, immer neue Geldgeber für seine sündteuren Projekte aufzutreiben. Daß er sich häufig widersprach, störte ihn nicht. Schließlich kann man auch Visionen verbessern, nicht nur Computer. Ein Techniker von Cray Research sagte nach dem Tod des Meisters: "Wenn es einen Himmel gibt, wird Cray ihn optimieren."