Eigentlich dürfte Helmut Kohl gar nicht mehr Kanzler sein. Eigentlich müßte die CDU längst zu einer Zwanzigprozentpartei geschrumpft sein. Denn eigentlich laufen nach der Diagnose kundiger Soziologen die gesellschaftlichen Trends gegen die Christdemokraten, und das schon seit einem Vierteljahrhundert.

Bereits damals, als Sozialdemokraten und Freidemokraten historische Bündnisse schmiedeten, war die CDU auch bei vorsichtigen Wahlforschern abgeschrieben. Das hatte plausible Gründe. Die CDU war zu der Zeit eine Partei der Vergangenheit, der überalterten, absterbenden Sozialstruktur: der Rentner, der Kleinkrämer, der Katholiken, der Provinz. Alles richtete sich in den frühen siebziger Jahren auf die säkularisierte Arbeitnehmergesellschaft ein, und als deren Repräsentantin galt die SPD . Dann aber kamen Postmaterialismus und Individualismus über die Bundesbürger. Das war schlecht für die SPD, aber noch nicht gut für die CDU, mit deren postmaterialistischer Gesinnung es noch weniger weit her war. Schon eher war das die Zeit für die Grünen und wohl auch keine schlechte Voraussetzung für einen flotten Yuppie-Liberalismus.

Doch der Bundeskanzler der neunziger Jahre heißt nicht Oskar Lafontaine, Joschka Fischer oder gar Guido Westerwelle. Er heißt nun einmal Helmut Kohl und regiert demnächst - Stichtag 31. Oktober - länger als jeder seiner Vorgänger. Die Erfolgspartei der fünfziger Jahre prägt auch die Bundesrepublik der neunziger Jahre. Insgesamt 34 Regierungsjahre hat die Union auf dem Buckel. Keine Frage: Die CDU ist die erfolgreichste Partei der deutschen Parlamentsgeschichte.

Nur: Wieso ist sie das? Vor allem: Warum ist sie das immer noch? Die gesellschaftlichen und kulturellen Modernisierungsschübe haben sie nicht begünstigt. Viele ihrer organisatorischen und personellen Ressourcen aus den kirchlichen Milieus sind versiegt. Und der kritische Geist der Republik hat allezeit mit der CDU gehadert, mal larmoyant wie unter Adenauer, mal aggressiv wie unter Erhard und Kiesinger, mal resigniert wie jetzt angesichts der hünenhaften Unbesiegbarkeit des einst süffisant bespöttelten Helmut Kohl.

Natürlich zehrt die CDU von ihrer historischen Gründerrolle. In der Wahrnehmung der meisten Deutschen hat sie das politische und ökonomische Erfolgsmodell Bundesrepublik geschaffen, Deutschland nach Jahrzehnten verheerender Krisen, nach Diktatur, Krieg, Flucht und Vertreibung in ein ruhiges und sicheres Fahrwasser geführt. Seit dieser bundesdeutschen Gründerzeit unter Adenauer hat sich die Gleichsetzung von Sicherheit und Wohlstand mit christdemokratischer Regierungsführung tief in die Volksseele eingebrannt. Es gibt in modernen Gesellschaften nur wenige kollektive, generationenüberspannende Erinnerungen und Dispositionen. In Deutschland gehören die Angst vor der Inflation und das nachgerade unerschütterliche Vertrauen in die Wirtschaftskompetenz der Union dazu, auch wenn die Partei seit Erhards Zeiten mit ökonomischem Sachverstand nicht gesegnet ist.

Nur einmal, Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre, besaßen die Sozialdemokraten die Chance des Rollentauschs. In gewisser Weise herrschte damals wieder Gründerzeit. Gesellschaft und Werte waren im Wandel, und die SPD hätte sich als zweite Gründerpartei langfristig im Bonner Machtzentrum festsetzen können. Denn schließlich hatte sie in den sechziger Jahren alles richtig gemacht: Sie hatte die ideologischen Altlasten ihrer nahezu hundertjährigen Oppositionszeit entsorgt, neue pragmatische Männer nach vorn geholt und versprach jetzt nur noch, die bessere, modernere CDU zu sein. So brachte die SPD allmählich die Mittelschichten hinter sich, fädelte die Große Koalition ein und bewies dort, daß sie sich in eine seriöse Truppe gewandelt hatte.