Mancher mag einwenden: Für einen Jahresrückblick ist es doch viel zu früh! Dem wäre zweierlei entgegenzuhalten. Erstens: Ein Rückblick kommt nie zu früh, sondern immer zu spät. Zweitens: Die Konkurrenz schläft nicht. Die ZEIT muß sich am Markt behaupten. Deshalb heute topaktuell und exklusiv der Jahresrückblick 1996.

Zunächst aber noch rasch eine wichtige Nachricht: Gerhard Schröder möchte Kanzlerkandidat der SPD werden. Dem Magazin der Süddeutschen Zeitung hat er gestanden: "Die Idee, der Wunsch, der Plan oder die Hoffnung, doch irgendwann Kanzlerkandidat dieser Partei zu werden, ist ja nicht aufgegeben. Wer aufgibt zu träumen, der gibt auch ein Stück Gegenwart auf."

Kanzlerkandidat der SPD! Wer unter uns, Hand aufs Herz, hätte nicht die Idee, den Wunsch, den Plan oder die Hoffnung, wer träumte nicht davon? Die Partei läge einem derart zu Füßen, daß man keinen Schritt mehr vorankann, und das Volk der Wähler staunte so stark, daß man ein leises Schnarchen hört. Gemischte Gesichter, bekannte Gefühle.

Kanzlerkandidat der SPD: einer der wenigen Jobs, wo Nachfrage und Angebot zusammenklaffen, wo die Gefahr, zum Einsatz zu kommen, etwa so groß ist wie die von Stefan Effenberg bei der letzten WM. Mit anderen Worten: ein Traumberuf. Gibt nicht der, der davon nicht träumt, ein Stück Gegenwart auf?

Auch ein Traumberuf hat seine Risiken. Parteitage sind unbedingt zu meiden. Ebenso Gefällstrecken beim Radfahren. Ansonsten gilt das Prinzip ruhige Kugel oder frz. "laisser faire Lafontaine". Und am Wochenende liest man entspannt die Interviews der Parteifreunde.

So macht Kandidatsein großen Spaß, und weil die SPD eine demokratische Volkspartei ist, darf jeder mal ran. Eintritt frei. Viel passieren kann nicht. Einen Kanzler haben wir ja.