Das Bonmot ist ein Jahr alt. Und noch immer schön: Der ZDF -Moderator Roger Willemsen hatte zwei Vorzeigefrauen des Fernsehjournalismus zu Gast. Anna Doubek, Chefredakteurin des Frauensenders TM3, und Maria von Welser, Leiterin des ZDF-Frauenmagazins "ML Mona Lisa". Und nun wollte er es wissen: Warum seien nur all die Frauen, die im Fernsehen wirkten, so attraktiv? Maria von Welser antwortete wie der Blitz: "Frauen müssen schön sein. Weil Männer besser sehen als denken."

Ein frecher Kommentar zum auffälligen Phänomen: Frauen erobern das Fernsehen. Ob als Moderatorinnen im Talkzirkus, als Anchorwomen in Magazinen oder als Heldinnen in Serien und Filmen nie zuvor waren Frauen so präsent, nie zuvor gab es eine solche Vielfalt von Typen. Das Spektrum reicht vom Girlie zum Flintenweib, von der Plappertasche zur Grande Dame. Von Doubek zu Welser; von Sabine Christiansen (ARD-"Tagesthemen ") zu Bettina Böttinger ("B. trifft . . .", WDR ). Die Reihe läßt sich endlos fortsetzen. In allen Sendern, privaten und öffentlich-rechtlichen, treten Frauen auf, werden vom Publikum akzeptiert - und erobern sich einen Zukunftsmarkt. Unvorstellbar, daß noch vor 25 Jahren die erste Nachrichtensprecherin der ARD , Wibke Bruhns, aus Protest Hundekot zugeschickt bekam.

Freilich, das Bild vor der Kamera trügt. Trotz Förderplänen und Quote: Ganz oben, da, wo über Geld und Inhalte entschieden wird, sind Männer unter sich. Gegenwärtig gibt es weder in der ARD noch im ZDF eine Programmdirektorin oder Intendantin. Auch in Rundfunkräten und den Justitiariaten treffen sich überwiegend Männer. Ebenso in den Chefetagen der Privaten, wo der Gesamt-Frauenanteil höher ist als bei Öffentlich-Rechtlichen (42 zu 30 Prozent), liegt die meiste Macht in Männerhand. Die Frauenbeauftragte beim WDR, Rita Zimmermann, sagt, es werde noch ein halbes Jahrhundert dauern, bis in der höchsten Tarifgruppe beim WDR zur Hälfte Frauen sind. Obwohl schon heute 70 Prozent der Volontäre weiblich seien. Gilt also weiter, was der "Spiegel " 1994 monierte: Frauen hätten "viel zu plappern, wenig zu sagen"?

Manches spricht dafür. Etwa die Tatsache, daß Moderatorinnen mitunter durchaus frauenfeindliche Inhalte verkaufen. Wer die RTL -Frontfrauen von Barbara Eligmann bis Bärbel Schäfer unter die Lupe nimmt, erkennt, daß hier der Typ "resolute Quotenqueen" auch dazu herhalten muß, das Senderprofil zu festigen. Andererseits kommt eine Studie der Uni Siegen aus dem vergangenen Jahr zu dem Schluß, daß eben bei RTL Frauen beste Karrierechancen haben. Jedenfalls, Moderatorinnen sollten blond und relativ jung sein, auch in öffentlich-rechtlichen Anstalten. Ist der Einsatz von Frauen, hier wie dort, womöglich nur ein Kalkül geschäftstüchtiger Herren?

Den Vorwurf kennt Anna Doubek gut. Und kontert: "Klar sind unsere Gesellschafter, Bauer und Tele München, keine Frauenbeauftragten. Die wollen mit uns Geld verdienen. Aber wir Frauen wären blöd, die Chance nicht zu nutzen. Unser Programm ist für Frauen. Weil es von Frauen gemacht wird." Daß dies der kleinste Nenner ist, weiß Anna Doubek selbst, zuvor Fachfrau für Dokumentationen bei RTL. Gleichwohl beharrt sie darauf, mit TM3 einen Beitrag in Sachen Emanzipation zu liefern. In Magazinen wie "Kinderella", "Frieda" oder "Working Woman" würden weibliche Lebenszusammenhänge - Beruf, Kind, Partnerschaft - behandelt. Anna Doubek und ihre knapp dreißigköpfige Redaktion sehen sich als "Pionierinnen", die "Ultra-Uralt-Feminismus" durch ein "gewisses Augenzwinkern" ersetzen. Wozu auch "lustvoller Umgang mit weiblichen Attributen oder Mode" gehört. Denn: "Das zeigt doch Selbstbewußtsein, daß Frauen sich nicht mehr anpassen nach dem Motto: ,Nur nicht zu schillernd'!"

Auch in anderen Sendern haben Frauen längst einst typische Männerdomänen wie News, Politik und Wirtschaft erobert. Eine, die das mit Freude beobachtet, ist Sabine Christiansen. "Vor drei Jahren", so die "Tagesthemen"-Moderatorin, "hat es einen gewaltigen Schub gegeben an Frauen im Nachrichtenbereich." Auch an exponierter Stelle, wie die Korrespondentinnen Marion von Haaren in Bonn, Renate Bütow in Berlin, Sonia Mikich und Ina Ruck in Moskau oder Petra Lidschreiber in den USA. "Tagesthemen"-Kommentare, ergänzt Christiansen, würden ebenfalls häufiger von Frauen gesprochen. Allerdings verlange der Schritt "von der zweiten in die erste Reihe", egal ob vor oder hinter der Kamera, Frauen nach wie vor viel ab. "Ich habe mich für den 14-Stunden-Tag entschieden. Weil es mir einen Heidenspaß macht. Aber mit Kindern ginge das nicht."