Unvergeßliche Szene: wie die alte, ausgemergelte Garderobenfrau mit den fahlen Haaren ihr Strickzeug aus der Hand legt, von ihrem Hocker sich erhebt, aus ihrem Mäntelkabuff hervorkommt, quer durch die Reihen der Kaffeehaustische sich einen Weg bahnt, kurz vor dem Ausgang stehenbleibt und auf einmal zu singen beginnt: "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt."

Es ist nicht peinlich, nur befremdlich, bis die alte Dame ihre Zuhörer an den brüchigen, scheuen Klang ihrer Stimme gewöhnt hat, und dann wird es pathetisch schön: ein Lied aus alten Zeiten, ein Minnesang von der Vergänglichkeit, eine alterssehnsüchtige Beschwörung der Liebe. Die Worte, wie sie da aus dem kleinen, gefälteten Mund kommen, werden auf bizarre Weise neu, anders, unerhört; und das "Männer umschwirrn mich wie die Motten um das Licht" ist so sichtbar nur halluziniert, nur Wunschvorstellung, daß die Metapher wie ein Memento abgelebten Lebens "im Raum steht".

Die alte Dame hieß Edith Robbers, und ihr Auftritt war der unheimliche Höhepunkt der von Stefan Wigger inszenierten Revue "Haus Vaterland" im Januar 1976. Just um die Zeit, als Friedrich Hollaender starb, hatte sie in der Werkstatt des Schillertheaters in Berlin Premiere. Daß es ein Nachruf war, konnte niemand ahnen; aber einen schöneren hätte Hollaender sich nicht wünschen können.

Elf Jahre vorher hatte ich die Altersgenossin der Robbers mit eben diesem Song im Edinburgher "Lyceum" gehört, Marlene Dietrich, sie, der dieses Lied gehörte; auch sie tief in den Brunnen der eigenen Vergangenheit tauchend und mit ironischer Eleganz, in silbernem Nixenkleid den immer noch makellosen Leib darbietend, auf den einst - 35 Jahre vorher - diese Musik geschrieben worden war. Nur daß Reginald Connolly dem Autor Hollaender die Worte inzwischen aus dem Mund genommen hatte und sie der Melodie eher zuwiderliefen, wenn ausgerechnet zum ersten Terzensprung nach oben nun das Wort "falling" stand: "Falling in love again . . ."

Friedrich Hollaender hat mit diesem langsamen Walzer (!) nicht nur eine der vielleicht zehn populärsten Musiken unserer Zeit geschrieben, sondern sich, ohne es zunächst zu gewärtigen, eine Parzelle Unsterblichkeit erworben; Unsterblichkeit, die ihn jetzt, hundert Jahre nach seiner Geburt in London, am 18. Oktober 1896, einholt mit Ehrungen, Aufführungen, Ausstellungen, Vorträgen, mit Büchern und Kassetten. Es verstand sich, daß Hollaender seinen Erfolg erst von da an datierte, und ebenso, daß seine Biographie nur noch "Von Kopf bis Fuß" heißen konnte.

Wir leben ja im Jahrhundert-Jahrhundert. Die höchste Auszeichnung, die unsere Zeit vergibt, ist keine Medaille, kein Nobelpreis, kein Grand Prix - es ist der Titel "Jahrhundert". Jahrhundertereignis, Jahrhundertprozeß, Jahrhunderthochwasser - das sind die wahren Superlative, auch wenn unser kurzes Gedächtnis oft schon in einer Dekade mehr solcher "Jahrhunderte" vergibt, als die Menschheitsgeschichte überhaupt gezeitigt hat. Immerhin aber hat diese Anbetung des eigenen Saekulums umgekehrt den Respekt vor den Hundertjährigen bewirkt, vor denen, die mit diesem Zeitalter groß geworden sind und nahezu synchron gelebt haben.