Womöglich gelingt es dem FBI noch, harte Beweise für die Täterschaft von Richard Jewell zu erbringen. Vielleicht muß sich die amerikanische Bundespolizei aber bald auch bei dem Wachmann entschuldigen, den sie verdächtigt hatte, die Bombe im Olympiapark in Atlanta gelegt zu haben. So oder so: Von Presse und Fernsehen ist er längst gelyncht worden.

Die "Atlanta Constitution" veröffentlichte seinen Namen zuerst - in einer Sonderausgabe. Unklar blieb nur, ob der Hinweis auf den Wachmann, der davor noch als mutiger Retter gefeiert worden war, vom FBI oder von einer örtlichen Polizei stammte. CNN kippte sofort eine geplante eigene Recherche und verbreitete die Schlagzeilen der Lokalzeitung auf der ganzen Welt. Rituell vorgetragene Zweifel hielten kaum einen Redakteur anderswo ab, dann auch so schnell wie möglich aufzuspringen. "Was wir hier tun", gestand einer ein, "ist eigentlich nicht korrekt, aber nun ist Jewells Name doch schon in aller Munde." Während das FBI dessen Wohnung filzte, fuhren die Satellitenübertragungswagen vor. Reporter mieteten sich in dem Gebäudekomplex ein. Keiner aber fragte je nach handfestem Belastungsmaterial, niemand fühlte sich bemüßigt, wenigstens die Eröffnung eines Untersuchungsverfahrens abzuwarten.

Und so sieht sich natürlich auch kein Sender und keine Zeitung dazu veranlaßt, sich für die üble Nachrede zu entschuldigen.

Michael Schwelien