Eigentlich hatte er am 3. Oktober feiern wollen: das zehnjährige Bestehen seiner Kunsthalle in Emden. Aber statt dessen kam Henri Nannen an diesem Tag in Hannover unters Messer: Magenkrebs. Die Krankheit, die er, ein Baum von einem Mann, sein Leben lang gefürchtet hatte - am Ende ereilte, fällte sie ihn.

Er hatte sich gewünscht, weiß der Himmel, warum, daß ich am 3. Oktober die Festrede hielte. Seitdem mich seine Frau Eske im Frühjahr mit diesem Ansinnen überraschte, lag das Archivmaterial über Nannen auf meinem Schreibtisch: zwei Bände mit knapp 600 seiner unnachahmlichen Kolumnen "Lieber Sternleser", ein dicker Ordner voller Interviews, Portraits und Nachrichtenschnipsel, eigene Notizen über frühere Begegnungen und Gespräche mit ihm. Eine Hommage hatte ich im darbringen wollen, dem Journalisten, dem Kunstmäzen, dem Lehrmeister. Nun muß ein Nachruf daraus werden.

Ich kannte Henri Nannen, seit ich vor 39 Jahren zur ZEIT stieß. "Stern" und ZEIT, beide von Gerd Bucerius verlegt, gehörten damals zusammen. Im Hamburger Pressehaus am Speersort teilten sie sich das fünfte Stockwerk, das Ausschnittarchiv, die Toiletten. Unterm Dach residierte Rudolf Augstein mit dem "Spiegel", in den unteren Stockwerken saßen "Morgenpost" und "Echo" (wo Herbert Wehner Redakteur war). Sämtlich wurden sie auf derselben Rotation gedruckt. "Stern", "Spiegel", ZEIT - sie bildeten damals die "Hamburger Kumpanei": alle eine Handbreit links von der Mitte, alle kritisch gegenüber Konrad Adenauer und Franz Josef Strauß, jeder aufmüpfig auf seine Weise.

Man begegnete sich im Paternoster, auf den Korridoren, zum Mittagessen im Pressestübchen bei Fiete Melzer. Henri Nannen, schon damals respektvoll "Sir Henri" genannt, füllte jeden Raum. Seine bullige Gestalt, seine bullrige, stets ein wenig heisere Stimme dominierten jede Versammlung. Nicht, daß er sich aufgeplustert oder aufgespielt hätte: Er war einfach so groß.

Und jeder spürte: Den Journalismus, das Schreiben hatte er in den Fingerspitzen. Er machte den "Stern" aus dem Bauch. Er brauchte keine Marktforschung, um zu wissen, was beim Publikum ankam; ihm sagte das eigene Zwerchfell, was die Menschen bewegte. Er beobachtete sie genau. Und er beschrieb sie ohne Schnörkel, präzise und bunt. Sie konnten sich wiedererkennen. Richard Tüngel, ZEIT-Chefredakteur in den frühen Nachkriegsjahren, machte Nannen einmal das Kompliment: "Mit großer Intelligenz jede Woche für Lieschen Müller ein Blatt zu machen, das können nur wenige." Trocken entgegnete Nannen: "Aber Herr Tüngel, das ist doch ganz einfach: Ich bin Lieschen Müller."

Die ZEIT schuldet ihm ewigen Dank. Ohne Nannen hätte sie nicht überlebt. Mit seinem "Bilderblatt", wie Gerd Bucerius zu sagen pflegte, erwirtschaftete er die Überschüsse, aus denen der Verleger zwei Jahrzehnte lang das hochseriöse Schwesterblatt finanzierte, bis es Mitte der Siebziger in die schwarzen Zahlen kam. Dank Henri Nannen konnte die ZEIT ohne Existenzangst die ZEIT sein: intellektuell, anspruchsvoll, von kompromißloser Gehobenheit. Wenn er besonders gut gelaunt war, nannte er die ZEIT "die Wochenzeitung für Dr. Lieschen Müller". Aus seinem Munde war das ein Ehrentitel.