Sieht der Bau nicht aus wie - peng! - aus einem Science-fiction-Blitz geboren? Plötzlich da, eine hellgrün irrlichternde ovale Box, hinten fest umgeben von dicht bewaldeten Höhen? Es ist die neue Höhle des Neandertalers. Genauer: Man hat ihm, der seit über hundert Jahren als populäres Phantom durch den Schulunterricht geistert, ein neues, ein überaus originelles Haus gebaut, dem Homo sapiens neanderthalensis, unserem an die 120 000 Jahre alten Urmenschen.

Wir befinden uns in dem berühmten, ungefähr fünfzehn Kilometer östlich von Düsseldorf an der Landstraße nach Mettmann gelegenen Tal der Düssel, das den Namen seines frühen Entdeckers, des protestantischen Liederdichters Joachim Neander, trägt. Ein paar Schritte von hier bergan waren 1856 Steinbrucharbeiter beim Kalkabbau in der kleinen Feldhofer Grotte auf Knochen gestoßen, die ihnen rätselhaft vorkamen. Von einem Hirsch? Einem Höhlenbären? Bald hatte der Elberfelder Lehrer Johann Karl Fuhlrott heraus, daß es sich um die Gebeine eines urzeitlichen Menschen "früher Stufe" handeln müsse. Dabei ist es denn auch, ohne daß es jemals ernstlich angefochten wurde, geblieben. Seitdem heißt der Altmensch, den die Wissenschaft alsbald aus den (im Bonner Landesmuseum archivierten echten) Knochen rekonstruierte, der Neandertaler.

Der Fund bestätigte nun auch gleich Charles Darwins Evolutionstheorie, die er in seinem nur drei Jahre später auf deutsch erschienenen Buch über "Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtauswahl " erörterte. Nun liegt das Buch Seit' an Seit' mit der Bibel, in der man die Schöpfungsgeschichte aufgeschlagen hat, im Museum auf einem Pult, dahinter eine scheinbar unerschöpfliche riesige Sanduhr schon einmal andeutet, daß dem Besucher eine Zeitreise durch die Menschheitsgeschichte bevorsteht.

"Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren", heißt Joachim Neanders volkstümlichstes Lied, das er übrigens lieber auf Wanderungen in die Natur als in der Kirche gesungen hören wollte. Und also leitet es mit sämtlichen (vielen) Strophen den Rundgang ein, der dem Bau an Originalität in nichts nachsteht.

Nun ist dieses Museum eigentlich weniger ein Museum als eine unterhaltsam inszenierte Volkshochschule, darin auf einer langen, elliptisch aufwärts sich windenden breiten Rampe die Geschichte des Menschen mit ihren bisweilen wahrhaft wunderlichen Klug- und Dummheiten erzählt und gezeigt wird. Man erfährt davon lesend auf virtuos konzentrierten Texttafeln, vor allem aber hörend im Kopfhörer, den man sich gleich am Eingang aufsetzt und sich damit an jeder Station des Lehrpfades einstöpselt.

Viel gespielte Geschichte. Und so hört man denn an der ersten Rampenkehre, vor sich einen lebensgroßen, einen gewaltigen Stein stemmenden Neandertaler im Fellhemd, das Publikum im Kopfhörer rasen. Es johlt, es pfeift, der Reporter ist ganz außer sich. "Und jetzt", ruft er aufgeregt, "und jetzt meine lieben Hörerinnen und Hörer, geht es ums Ganze: Wer von den beiden wird es schaffen, das Gewicht hochzustemmen? Jaaa, unser Mann, die Entdeckung aus dem Neandertal! Er hat die Reserven - ja, jaaa, er schafft es! Er ist der King! Gegen ihn kommt keiner an!"