Der Knaller war unauffällig verpackt. Doch die Bemerkung des Bundeswirtschaftsministers, man müsse sich "auf etwas längere Zeithorizonte einstellen", bis die ostdeutsche Wirtschaft wettbewerbsfähig werde und ohne Transfers auskomme, enthält ein dramatisches Eingeständnis: In Deutschland wird es noch auf Jahre hinaus ein wirtschaftliches Notstandsgebiet geben. Die Aufholjagd der neuen Länder ist gescheitert. Jetzt kann man nur auf langsames Heranrobben hoffen, damit sie nicht zum deutschen Mezzogiorno werden.

Der Bericht zur Entwicklung in den neuen Ländern, den das Bundeskabinett Ende September vorgelegt hat, ist eine deprimierende Aufzählung von Widrigkeiten: Was im Osten erwirtschaftet wird, deckt weniger als zwei Drittel der Nachfrage. Pro Kopf gerechnet, erreicht die nominale Wirtschaftsleistung im Osten 55 Prozent der entsprechenden Größe im Westen, real liegt sie bei 45 Prozent.

Damit nicht genug: Die Annäherung des Ostens an den Westen wird langsamer. Im ersten Quartal dieses Jahres hat die Wirtschaftsleistung der neuen Länder sogar abgenommen. Auch wenn sie im zweiten Quartal wieder etwas zulegte: Von Zuwachsraten über zehn Prozent, wie sie notwendig wären, um binnen zehn Jahren gegenüber dem Westen aufzuschließen, ist die ostdeutsche Wirtschaft weit entfernt.

Das liegt vor allem daran, daß die industrielle Basis nach wie vor viel zu schmal ist. Anfang der Woche warfen die Manager des ehemaligen Vorzeigekombinates Sket das Handtuch (siehe ZEIT 43/96, Seite 29). Den industriellen Restbestand vereint eine Schwäche mit den Neugründungen: Auf überregionalen Märkten sind beide kaum vertreten. Es mangelt an Marketingkenntnissen; und der westdeutsche Handel zieht es immer noch vor, Lieferanten aus dem Osten die Tür zu weisen.

In der gewerblichen Wirtschaft werden die Investitionen in diesem Jahr zurückgehen. Weil die Lohnstückkosten zu hoch sind, arbeiten nur wenige Unternehmen mit Gewinn. Folge: Das Eigenkapital hat abgenommen, statt zu steigen; die Fremdfinanzierung von Investitionen scheitert oft. Damit schließt sich der Kreis: Es fehlt das Geld für neue Sachanlagen. Da überrascht es nicht, daß die Arbeitslosenzahl in diesem Jahr nicht mehr gesunken, sondern wieder gestiegen ist. Zählt man diejenigen hinzu, die im zweiten Arbeitsmarkt unterkommen, sind 25 Prozent der Erwerbstätigen ohne Beschäftigung.

Ostdeutschland, so die Bonner Diagnose, hat erst die Hälfte des Weges zu einer leistungsfähigen Gesellschaft bewältigt. Versicherte der Kanzler den neuen Bundesbürgern eben noch, die blühenden Landschaften seien allen Spöttern zum Trotz in greifbare Nähe gerückt, so sagt die Regierung nun, man müsse sich auf einen dornenreichen Weg einstellen. Die Reaktion auf das Wechselbad bleibt nicht aus: In Umfragen hat die Union im Osten verloren, während die Sozialdemokraten an ihr vorbeiziehen. Auch wenn das Allensbacher Institut in dieser Woche Zweifel an einem klaren Trend zugunsten der SPD anmeldet: Sicher ist, daß der Osten der Koalition nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch Sorgen macht.