ZEIT: Vor fünfzehn Jahren haben Sie den Computer als Instrument zur sinnvollen Kommunikation bezeichnet. Den Umgang mit dem Rechner zu lernen, verglichen Sie mit dem Erlernen einer Sprache. Ihn zu verstehen erfordere und lehre wichtige analytische Fähigkeiten, sagten Sie. Das klingt gar nicht nach dem Technologiekritiker, als der Neil Postman bekannt sind. Sind Sie immer noch der damals geäußerten Auffassung?

Postman : Ob der Computer sinnvoll ist, hängt ganz davon ab, wie wir ihn einsetzen. Wenn die Schüler in der Schule lernen, ihn zu programmieren, ist das in Ordnung. Denn dafür muß man über das Denken selbst nachdenken: ein analytischer Prozeß, der in unserer von Bildern bestimmten Welt wichtig wäre. Nur ist das ganz und gar nicht, was die meisten Schulen machen.

ZEIT: Was machen die Lehrer falsch?

Postman: Zumindest in den Vereinigten Staaten nutzen die Lehrer Computer wie Arbeitshefte oder andere Lehrmittel. Sie könnten genausogut Papier und Bleistift einsetzen. Denn etwas wirklich Neues lernen die Schüler im Umgang mit den elektronischen Rechnern so bestimmt nicht.

ZEIT: Fehlt Lehrern oft noch die Phantasie, weil sie Angst vor Computern haben oder deren Potential nicht verstehen? Das könnte sich doch mit der Zeit ändern.

Postman: Man wird sehen. Einige Experten denken ja auch, daß der Computer die Atmosphäre in den Schulen verbessert, weil er Fehler nicht bestraft, sondern sogar erwartet, daß man Fehler macht. Heute dagegen müssen Schüler für Fehler mit schlechten Noten oder Kritik des Lehrers büßen, deshalb mogeln sie auch bei Klassenarbeiten. Vielleicht ändert der Computer das, aber wenn das der digitale Segen wäre, müßte man die Lehrer schon bedauern. Dann brauchten sie ja Maschinen, um die Atmosphäre in ihren Klassenzimmern erträglich zu gestalten.

ZEIT: In Deutschland sollen 10 000 Schulen an die Netzwelt angeschlossen werden. Die Bundesregierung glaubt, daß die Kinder über das Internet nicht nur mit Schülern in aller Welt kommunizieren können, sondern den Computer auch brauchen, um sich auf das Arbeitsleben vorzubereiten.

Postman: Die Politiker sollten das Geld nutzen, um den öffentlichen Bediensteten höhere Löhne zu zahlen, damit sie weniger streiken. Schulen zu vernetzen ist eine komplette Verschwendung. Denn allein in den Vereinigten Staaten haben schon 35 Millionen Menschen ohne weitere Hilfe gelernt, den Computer zu benutzen. Auch wenn die Schulen in den nächsten zehn Jahren gar nichts tun, werden dann die meisten Menschen wissen, wie man mit den digitalen Maschinen umgeht. Wer auch immer dieses Vernetzungsprojekt verfolgt, muß eine Menge Geld übrig haben. Das kostet ja Milliarden.

ZEIT: Trotzdem ist der Computer eine Technik von ähnlicher Bedeutung wie Lesen und Schreiben: notwendig für Erwachsene und daher etwas, das zu lernen Kinder ein Recht haben.

Postman: Lesen und Schreiben sind nicht einfach Techniken! Computerfreaks und andere High-Tech-Verliebte, die so etwas behaupten, sollten mir einmal folgende Frage beantworten: Warum wurden die Erfinder von Computer, Fernsehen, Radio, Film fast ausschließlich mit Papier und Bleistift ausgebildet? Warum sind diese Menschen so schlau, wenn Lesen und Schreiben nur Techniken sind? Sie haben die Welt verändert - auf der Basis von Bleistift, Papier und Buch. Nein, im Lesen und Schreiben steckt etwas, das weit über eine bloße Technik hinausgeht. Es verändert unseren Geist, gibt uns analytische Kraft. Die Fähigkeit, mit dem Computer umzugehen, mag auch eine Art besonderer Kraft vermitteln - aber wir wissen noch nicht genau, welche.

ZEIT: Also ist das Internet für Sie noch kein ernstzunehmendes Medium?

Postman: Es ist schon wichtig für wissenschaftliche Forschung und für große Organisationen wie das Pentagon oder weitverzweigte Banken. Ich glaube aber nicht, daß es für den Durchschnittsmenschen von besonderer Bedeutung ist.

ZEIT: Trotzdem dürfte es eines Tages so etwas wie eine vernetzte Gesellschaft geben, in der die allermeisten Haushalte am Internet oder seinen Nachfolgern hängen. Wäre ein solches Netz ohne tiefgreifenden Effekt oder eine echte Gefahr?

Postman: Diese Entwicklung ist jetzt schon gefährlich und in gewisser Weise auch reaktionär. Denn die Netzwelt lenkt die Menschen oft davon ab, die zentralen Probleme anzugehen. Kinder verhungern in der Welt - das hat nichts mit mangelndem Informationsfluß zu tun. Wir haben längst genug Informationen, um zu wissen, wie wir alle Menschen ernähren können. Daß wir es nicht machen, muß andere Gründe haben. Und der Computer kann auch nichts ausrichten gegen Verbrechen in unseren Städten oder gegen Männer, die ihre Frauen und Kinder mißhandeln.

ZEIT: Inwiefern ist die Vernetzung reaktionär?

Postman: Im frühen 19. Jahrhundert litten alle Kulturen tatsächlich noch an der Knappheit von Information. Seit 1840 aber, mit der Erfindung von Telegraphie und Photographie, lautet die Fragestellung: Wie können wir mehr Menschen mit mehr Informationen versorgen, schnell und in verschiedenen Formen? Forscher haben hundert Jahre an dem Problem gearbeitet. Und die wunderbare Nachricht ist, daß sie es gelöst haben - bravo! Nur ist dabei ein neues Problem entstanden: Jetzt wissen die Menschen nicht mehr, was sie mit den Informationen anfangen sollen. Wer heute noch euphorisch über das Internet und den Computer spricht, der versucht nur, ein Problem des 19. Jahrhunderts zu lösen.

ZEIT:Bill Gates als Reaktionär?

Postman: Bill Gates weiß das alles auch. Aber er spricht nicht darüber, weil ihm klar ist, daß er es mit einem Haufen technologiefreundlicher Ignoranten zu tun hat.

ZEIT: Aber verbindet der Computer die Menschen denn nicht?

Postman: Wo bitte verbindet er denn?

ZEIT: Nun, er hilft dabei . . .

Postman: . . . wenn Sie jetzt das Wort "Gemeinschaft" bringen . . .

ZEIT: Genau das ist das Argument . . .

Postman: . . . dann verlasse ich den Raum.

ZEIT: Vernetzte Computer helfen den Menschen dabei, neue Gemeinschaften zu formen. Digitalreisende, die ein bestimmtes Interesse teilen, können mittels der Technik zusammenfinden.

Postman: Wer das sagt, sollte sich in acht nehmen. Denn er benutzt das Wort "Gemeinschaft" in einer völlig anderen Bedeutung als der, die es in unserer Kultur bislang gehabt hat. Das ist so wie bei dem Wort Konversation. Wir haben hier gerade eine Konversation - das gilt aber nicht für diejenigen, die einander Worte im Internet zutippen.

ZEIT: Das klingt zunächst nur nach einem Problem der Wortwahl.

Postman: Ganz und gar nicht. Ich denke da immer an eine Fernsehwerbung. Eine junge Engländerin wandert mit ihrem Mann nach Amerika aus und verläßt ihren verwitweten alten Vater: eine sehr traurige Szene. Dann sehen wir den alten Vater in seinem kleinen Haus, das Telephon klingelt, er nimmt ab, und sofort hellt sich sein Gesicht auf. Seine Tochter ruft aus Los Angeles an. Und auf dem Schirm erscheinen die Worte: "Strecken Sie Ihre Hand aus, und berühren Sie jemanden." Das soll heißen, es ist schon in Ordnung, seinen alten Vater in England allein zu lassen - man muß ihn nur anrufen. Ich sage: Es ist zwar gut, daß wir Telephone haben, aber mit einem Anruf reicht man eben nicht die Hand und berührt einen anderen. So sehe ich auch das Internet nicht als Gemeinschaftsund nicht als Konversationsmedium.

ZEIT: Zumindest bietet das Internet die Möglichkeit zu mehr politischem und sozialem Austausch als je zuvor - und zwar weltweit.

Postman: Wenn andere mir Ihre Ansichten mitteilen wollen, können Sie einen Brief schreiben. Ja, soll ich vielleicht den halben Tag am Computer sitzen und elektronische Post lesen?

Es wird ja auch behauptet, daß jeder Schüler im Internet mit echten Wissenschaftlern kommunizieren und von ihnen lernen könne - ja, auf welchem Planeten leben wir denn eigentlich? Wer verbringt schon so viel Zeit mit Tausenden von Schülern, die mit ihren Hausaufgaben im Verzug sind? Gewiß, wenn Sie 10 000 Schulen vernetzen, liegt wahrscheinlich einiges an Wert darin. Aber all das Geld, all die Zeit, all die Gedanken - und wofür? Genau an diesem Punkt wird die Sache gefährlich.

ZEIT: Ihrem Land, das haben sie oft genug selbst beklagt, fehlt der Gemeinschaftssinn. Ist die Gemeinschaft des Internet nicht besser als eine reine Ego-Gesellschaft?

Postman: Wahrscheinlich ja. Aber nur, wenn wir sonst wirklich gar keine Gemeinschaft mehr zustandebringen; nur, wenn wir jeden Gedanken daran aufgeben müssen. Dazu bin zumindest ich nicht bereit. Sollten wir eines Tages tatsächlich die Möglichkeit verlieren, ein sinnvolles, ein echtes Leben zu führen, dann akzeptieren wir wohl besser diese Pseudogemeinschaft. Dann sollten uns die Tränen aber nur so aus den Augen strömen.

Wenn wir nur noch dumme Maschinen haben, um die Hand auszustrecken und jemanden zu berühren, sollten wir - und würden wir in stiller Verzweiflung vor uns hin leben.

Das Gespräch führten Susanne Gaschke und Uwe Jean Heuser

Dieser Beitrag ist dem neuen Heft der Reihe ZEIT Punkte entnommen. Titel: "Der Mensch im Netz" . Erhältlich ab sofort im Zeitschriftenhandel.