Man könnte den Rauschausbeuter auch mit freundlicherem Namen rufen; er hieße dann "der Erkenntnissucher". Er berauscht sich nicht um des Rausches willen, wie es klassischer Lahpuhrlah-Ästhetik entspräche, sondern versucht während des Zustands, falls er eintritt, einen Großteil des Normalbewußtseins beizubehalten, also praktisch neben seinem eigenen, möglichst starken Rausch möglichst wach - wenn nicht gar stets nüchtern! - herzulaufen, um spätestens anschließend oder bereits währenddessen mitzustenographieren, was da an Bewußtseinssensationen so alles kommen - oder ausbleiben - mag. Während der Durchschnittsberauschte in der Ecke hängt, nichts draus macht, alles andere mitdenken will, leerwerden will, auf daß sich die Trance nicht just durch diese mitlaufende Kontrolle verdünne, setzt sich der Rauschausbeuter kerzengerade in den Sessel und lauert als VP auf Verwertbares. Walter Benjamin umgab sich für seine Haschisch sitzungen mit Ärzten und Kontrollpersonen namens Fritz Fränkel, Ernst Joel und Ernst Bloch, um durch sie zu sprachlichen Äußerungen veranlaßt zu werden, in der Angst, daß sich ansonsten alles in amorpher Nonverbalität verkrümele und kein "Erkenntnisertrag" herausspringe. Selbst marxistisch inspirierte Rauschausbeuter möchten sich nicht mit der Farbe der Blumen begnügen, sondern unbedingt Honig heimbringen, gute Mitglieder der arbeitsteiligen Leistungsgesellschaft. Immerhin schließen sich in Benjamins Rauschprotokollen Rauschfähigkeit und Reflektiertheit nicht aus, entgegen all den auf Verkopfung schimpfenden Schablonen-Gurus von Laotse bis Rudolf Steiner und Osho, die ununterbrochen behaupteten, daß der Verstand Gefühle abtöte. Rausch ist - laut Ludwig Klages' Ekstasetheorie - erst dann Rausch, wenn der Sündenbock Geist beziehungsweise Selbst nicht mehr dabei ist, sondern außer mir, wodurch sich Benjamin, der noch im Rausch geistvoll bleibt, nicht stören lassen muß. Denn ein Ekstatiker, der Kopf und Bauch nicht anders integrieren kann als durch Verteufelung oder Ausklammern des Kopfes, wird hoffentlich überboten von jenem, der sein seelisches Dahinfluten und trotzdem Mitdenken relativ plausibel zu synthetisieren vermag. Wobei sich eine Disproportion zwischen dem durch Intoxikation ausgelösten Zustand und der Wollust des Formulierens ergeben kann, zwischen Haschischrausch und Schaffensrausch, nüchterner gesagt: Arbeitsrausch.

In der Glossenserie "Typologie der Berauschten" sind bisher erschienen:

1. Der stets Nüchterne

2. Der Freizeit-Berauschte

3. Der Süchtige

4. Der Aufklärer