Das waren gute Leute, Probleme haben wir nie mit denen gehabt. Wir sind auf ihren Partys gewesen, und es gab Freibier." Das sagt der zahnlose Mann, der an der Ecke Raadmandsgade und Sigurdsgade genüßlich sein Bier trinkt. Und eine Nachbarin glaubt sogar, daß diese Leute für ihr Viertel ein Glücksfall waren: "Da war man sicher auf der Straße. Es gab kaum noch Einbrüche oder Autodiebstähle." Freundlich reden die Leute in Nörrebro über ihre Nachbarn, die "Engel der Hölle". Der Kopenhagener Stadtteil Nörrebro ist ein beliebtes Multikultiviertel, Kreuzberg auf dänisch. Viel Kleingewerbe, Hinterhofschrauber, Autolackierer, das Islamische Zentrum. Sozialer Wohnungsbau, mit Magentarot und Taubenblau dem Zeitgeist angepaßt.

Noch vor ein paar Monaten hätte man auswärtige Besucher durch eine kleine Straße namens Titangade führen können, um ihnen ein Beispiel für den "dänischen Weg" zu zeigen, mit problematischen Minderheiten umzugehen. Hier residieren nämlich direkt gegenüber von hübschen Häuserblocks mit kinderreichen Familien die berüchtigten Hell's Angels. Auf kommunalem Grund und mietfrei. Ausgerechnet die martialisch auftretende Motorradrockertruppe wurde lange Zeit wie jeder andere Motorradclub als "jugendfördernd" vom Staat unterstützt. Die Integration der Rocker, die immer auch ein Stück sozialer Kontrolle ermöglicht, schien gelungen.

Doch dann brach der "nordische Rockerkrieg" über Dänemark herein. Und am Sonntag, dem 6. Oktober, 3 Uhr nachts, flog hier eine Panzerabwehrrakete durch die Luft. Sie kam vom Dach einer Fabrik in der Raadmandsgade, gut fünfzig Meter entfernt. Ihr Ziel war die traditionelle Viking Party, zu der die Hell's Angels jedes Jahr Freunde aus ganz Europa einladen. Dreihundert waren diesmal gekommen. Die Rakete traf die Wand des Clubhauses, brannte sich ins Innere und verletzte eine junge Frau und einen 39jährigen Rocker tödlich. Achtzehn Personen mußten, von Granat- und Mauersplittern verwundet, ins Krankenhaus. Wer die Panzerabwehrrakete abgeschossen hat, ist nicht bewiesen, aber in Dänemark weiß es jedes Kind: Es waren die Bandidos.

Seit etwa drei Jahren werden Norwegen, Schweden, Finnland und seit diesem März auch Dänemark von einem "Krieg" zwischen den Platzhirschen Hell's Angels und den Newcomern Bandidos heimgesucht. Da wurde der Präsident der schwedischen Bandidos von seiner Harley-Davidson geschossen. Clubhäuser wurden in die Luft gesprengt, und überall tauchten auch die in einem schwedischen Munitionsdepot gestohlenen Panzerabwehrraketen wieder auf. Am Kopenhagener Flughafen wurde im März ein Bandido erschossen. Darauf gab es in Roskilde bewaffnete Anschläge auf Hell's Angels.

Niemand weiß, wie die Fehde begann; sicher ist nur, daß jeder Schlag mit einem Gegenschlag beantwortet wird. Eine Frage der Ehre, vermuten Kriminologen. In den Zeitungen liest man dagegen, es gehe um Marktanteile im Drogengeschäft und im Geschäft mit der Prostitution. Wahrscheinlich stimmt beides: Ohne Ehre, ohne Respekt macht man in der Szene keine Geschäfte. Wäre die Rakete in der Titangade etwas höher geflogen, wäre sie im Wohnblock auf der anderen Straßenseite eingeschlagen. Eltern haben kleine Transparente aus den Fenstern gehängt, darauf stehen zwanzig Kindernamen: Emma, 8 Jahre, Louise, 4 Jahre, Jakob, Nafila . . . Es wird auch ein "ufödt", ein Ungeborenes, erwähnt.

Passanten bleiben stehen, betrachten die Transparente, blicken zur Rockerburg hinüber, die seit Wochen ein hoher Zaun umgibt. "Sollen sie doch irgendwo aufs Land gehen", ist die einhellige Meinung, "und sich gegenseitig erledigen!" Die Polizisten, die mit kugelsicheren Westen ausgerüstet, in der Titangade patrouillieren, beruhigen niemanden. Mit dreißig Mann hatten sie schon am 6. Oktober vergeblich versucht, die Viking Party zu schützen. Dänische Polizisten gelten als sympathisch, jedoch nicht als besonders schlagkräftig.