Die Vampire haben gesiegt. Während wir - durch BSE und FDP vom Wesentlichen abgelenkt - dem täglichen Schwachsinn nachspüren, haben sie sich des Knoblauchs bemächtigt und ihn entmannt. In einem strategisch geschickten Marsch durch die Laborinstanzen gelang es ihnen, die Wissenschaftler auf ihre Seite zu ziehen, jene Zauberlehrlinge, die unsere Fertigsuppen winterfest und die Tomaten feuerresistent gemacht haben. Von den Vampiren bestochen, beziehungsweise gebissen, haben sie geklont und geklont, bis sie einen Klon im Reagenzglas hatten, der dem europäischen Knoblauch den Duft und damit die Seele nahm.

Der Rest war einfach. Die Verbraucher, seit Jahren durch den Konsum von Fertiggerichten nur noch in der Lage, eine einheitlich plumpe Variante von süß, salzig und sauer zu erkennen, vermissen das spezifische Knoblaucharoma überhaupt nicht. Die Lobby der Vampire und Brüsseler Bürokraten verteilten den neuen Klon an alle Knoblauchbauern, und die diesjährige Ernte war die erste, die nicht zum Himmel stank. Die Vampire jubeln, die Genießer aber tragen Trauer: Was ist das für ein Knoblauch, der zwar scharf ist wie immer, dem aber das unvergleichliche, einmalige, süßliche Aroma fehlt, diese den Atem vergoldende und Vampire abschreckende Sanftheit, welche wir aus keinem Salat, keinem Gratin und keiner Suppe mehr herausschmecken?

Wozu, frage ich, steht in den Rezepten unserer besten Köche die Aufforderung, soundso viele Zehen Knoblauch ans Essen zu tun? Warum soll ich ihn noch dutzendfach zum Schmorbraten geben, den Knoblauch im Hemd, wenn er weniger Geschmack hat als Babynahrung?

Es ist zum Heulen. Was unseren Wissenschaftlern mit den Tomaten, dem Spargel, den Erdbeeren, Zucchini, Artischocken und Äpfeln gelungen ist, das haben sie nun auch beim Knoblauch geschafft. Kein Unterschied zwischen dem spanischen und dem französischen Knoblauch, der israelische schmeckt nicht anders als der holländische. Gemeinsam ist ihnen der Brüsseler Nullgeschmack.

Willkommen in Europa!

Es gibt Gesellschaften zum Schutz aussterbender Vögel, Fische und Frösche. Alles ehrenwerte, sogar gemeinnützige (steuerfreie) Vereinigungen. Nur dem wahren, dem echten Knoblauch, der bis gestern vielen Speisen erst Charakter und Seele gab, diesem edlen Produkt weint niemand nach. Dazu paßt, daß kein internationales Tribunal die verantwortlichen Wissenschaftler zur Rechenschaft zieht. Verbrechen am Genuß kann jeder ungestraft begehen. Um das Opfer, die kulinarische Vielfalt, kümmert sich niemand!