Im Mitarbeiterstab der ZEIT ist eine Ost-West-Kontroverse auf gehobenem Niveau ausgebrochen, sozusagen mit dem Florett ausgefochten, während anderswo mit Dreschflegeln gearbeitet wird. Es geht um Christoph Dieckmanns Artikel "Die heilige Schrift" (ZEIT Nr. 35/96) und Gunter Hofmanns Entgegnung "Die profane Demokratie" (ZEIT Nr. 37/96).

Eine Bemerkung vorweg: Mein Eindruck von Dieckmanns Artikel war nicht durch Lesen, sondern durch Zuhören geprägt. Er hatte eine unwesentlich andere Fassung auf einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung vorgetragen, die in der Literaturwerkstatt Berlin-Pankow unter dem Titel "Sprache als Hort der Freiheit" stattfand. Das überwiegend Ostberliner Publikum war amüsiert, kann man sagen.

Zur gestörten Ost-West-Kommunikation gehört für mich, daß Gunter Hofmann in seiner Erwiderung die den ganzen Artikel durchziehende Selbstironie in Dieckmanns Bericht beiseite läßt: Den hermetischen Widerstand gegen die Diktatur in Gestalt von philosophischer Sprachanalyse, von Schleiermacher- und Heidegger-Hermeneutik, und als Kontrast, Welten entfernt, Volkes Stimme auf sächsisch und berlinisch. Die gestelzte Berufung des zitierten Zwischenaußenministers Markus Meckel auf Hegel bei der Gründung der Sozialdemokratie. Die Verzweiflung, als Dieckmanns Epoche der Identitätsphilosophie mit dem theologischen Examen zu Ende geht, das mystische Sprachgeschehen zwischen Gott und Mensch in der ersten Predigt und die milde Ratlosigkeit der Zuhörer.

Selbst die West-Kritik im zweiten Teil des Artikels kommt augenzwinkernd, ist sich der Skurrilität des Anspruchs bewußt, Wahrheit und das echte Wort in die Politik wieder einzuführen. Das ist doch Paulskirchen-Donquichotterie, die sich treuherzig darstellt und gleichzeitig der lächelnden Kritik unterzieht. Die Botho-Strauß-Attitüde aristokratischen Sehertums ist nachgestellt, so ernst und unernst gleichzeitig wie ein Monolog auf der Theaterbühne. Mit einem Wort: Dieckmanns kulturpessimistische Klage ist durchweg in sich selbst gespiegelt und in Frage gesetzt, und sie zeigt keine Spur von traniger Ostalgie - ja, sie ist vielmehr völlig untypisch für die Klagementalität und Fruststauung, die viele ostdeutsche Landsleute in der Tat zeigen.

Zur Kommunikationsstörung zwischen Ost und West gehört, daß die beiden Völker einander für humorlos halten. Damit haben sie beide recht. Heiterkeit, Ironie, Witz und Satire sind nicht der Deutschen starke Seite, das haben Karl Kraus, Tucholsky und andere Vorväter immergültig festgestellt. Und es sind nicht nur die Ostbürgerrechtler (welche merkwürdige Bezeichnung!), die auf klobige West-"taz"-Satire rigoristisch überreagieren, sondern ebenso die liberalen Westler, denen das Lächeln im Gesicht gefriert, wenn die geringste Bemerkung fällt, die der politischen Inkorrektheit verdächtig sein könnte. Auch worüber sie beflissen und wiehernd lachen können, ist mir bei manchen Preisverleihungen, Matineen und Fernseh-Talk-Shows rätselhaft geblieben.

Gunter Hofmann fragt "ohne jeden Vorwurf". Kiezwelt in bizarrer Form werde genau beobachtet, schreibt er. Und Wahrheit werde in der Zitadelle der Innerlichkeit gesucht und gefunden. Das sei doch die Tradition der apolitischen deutschen Innenschau ins Wesentliche, die Rückkehr in die Monade der Existenzphilosophie, in die Apotheose des Seins, die die ersten, überwundenen Jahrzehnte der Westrepublik kennzeichnete. Sie sei außer Mode gekommen durch den Aufbruch in die Gesellschaft (druckt er gesperrt), der 1968 stattfand. Wie kommt es, daß die Suche nach dem Selbst und das Politische in der DDR-Sozialisation so trübe ineinander verfließen? So fragt er.