In diesen Tagen schreibt sich rund eine Viertelmillion junger Leute zum ersten Mal an einer deutschen Hochschule ein zu einem Studium, das jeder vierte von ihnen binnen weniger Monate frustriert wieder aufgeben wird, nicht gerechnet all jene, die ihre Enttäuschung bis ins Examen mitschleppen. Dabei war mancher eben noch so stolz auf sein Abitur, den Nachweis der allgemeinen Hochschulreife.

Genau das aber ist das Abitur nicht mehr. Man mag dabei entweder einen Verfall von Bildung beklagen, das gute Abi von einst habe halt gelitten, oder aber eher einen Wandel des Wissens feststellen, eine Explosion der Erkenntnisse, die jene alten Bildungsgänge nicht unbeschädigt lassen konnte. Fest steht jedenfalls: Das Abitur ist heute keine hinreichende Bedingung für ein Studium mehr. Den Hochschulen muß es künftig erlaubt sein, sich ihre Studenten nach bestimmten Regeln selber auszusuchen.

Nur so kann beiden Seiten sinnvoll Leistung abverlangt und ein fairer Umgang garantiert werden; nur so kann aus der Klage über zu viele Studenten, zuwenig Geld, also über Quantitäten, eine Debatte werden über Qualitäten. Gewiß, die Universität braucht auch mehr Geld; sie wird nicht erst seit der Vereinigung kujoniert von Sparkommissaren. Vor allem aber braucht die Universität mehr Profil und Prestige. Und das ist ohne eine Reform von innen nicht zu erreichen.

Allzu lange schon wurstelt man sich mit einer liebgewordenen Illusion durch: Demnach gleicht ein Abitur dem anderen, sofern auf dem Zeugnis nur dieselbe Punkte- und Notenzahl vermerkt ist. Und demnach sind auch alle Hochschulen des Landes gleich, soweit sie dieselben Fächer anbieten. Ehrlichkeit und Erfahrung lehren hingegen etwas anderes. Schon innerhalb eines Bundeslandes, ja selbst an derselben Schule gleicht ein guter Durchschnitt nicht mehr einem guten Durchschnitt. Die Oberstufenreform der siebziger Jahre läßt dem einzelnen Schüler in Wahl und Kombination der Fächer, vor allem aber der Grundund Leistungskurse viel Freiheit. Am Ende steht ein Abitur a la carte.

Kaum aber wandert das Zeugnis zur Zulassungsstelle, wird daraus eine rein rechnerische Größe, ein Menü zum Einheitstarif. Die Bildungspolitik zog daraus nie die logische Konsequenz, ja sie treibt diese wundersame Verwandlung von Wein zu Wasser, vom Besonderen ins ganz Allgemeine noch auf die Spitze. So muß heute zwar jede Musik- oder Sporthochschule auf die Fachnote achten und sich ihre Studenten aussuchen: Doch nicht auszudenken, daß eine juristische oder philologische Fakultät mit ähnlichem Ansinnen behelligt wird!

Alle Hochschulen sind gleich, nur manche sind gleicher: Orwells Weltklugheit ist Studienanfängern durchaus geläufig. Ingenieurwissenschaften studiert man halt gescheiter in Aachen, Sozialwissenschaften in Bielefeld und so manche Naturwissenschaft neuerdings lieber im Osten. Der bessere Ruf spricht sich rasch herum. Das wissen die Hochschulen selbst am besten. So forderte Hans-Uwe Erichsen, der Präsident der Rektorenkonferenz, jetzt dazu auf, die Fiktion der Gleichheit endlich leichten Herzens aufzugeben.