Als Cézanne sich mit dem Gedanken trug, ein Stilleben aus Töpfen und Vasen und allerlei Früchten zu malen, nahm er einen wirklichen Apfel in die Hand und legte ihn genau an die Stelle, wo er ihn als gemalten Apfel brauchte. In diesem Apfel gebe es einen Kulminationspunkt, sagte er in einem Gespräch zu dem jungen Gasquet, und dieser Punkt sei unserem Auge stets am nächsten. Die Ränder der Gegenstände flöhen in Richtung auf einen Mittelpunkt, der auf unserem Horizont liege. Auf Auge und Gehirn komme es an, das Auge fasse zusammen, das Gehirn antworte, drücke aus, was das Wahrgenommene bedeute.

Diese höchst private Auslegung Cézannes, was das Wesen des Stilleben ausmache, trifft bei all seiner Modernität haargenau die kunsthistorische Definition des Begriffs. Wie aber sehen geschriebene, von einem Schriftsteller quasi erzählte Stilleben aus? Vor allem, wenn sie von einem Autor wie Kieseritzky geschaffen sind, dem pointilliertesten, um nicht zu sagen pointillistischsten Schreiber unserer Zeit?

Kieseritzky, Spezialist für Geschichten aus scheinbar extravaganten, in Wirklichkeit aber durchaus kleinbürgerlichen Lebensbereichen, handhabt Cézannes Apfel nach seiner minutiös ausgeklügelten Erzählästhetik: Er setzt ihn in seinem Bild genau dorthin, wo er am meisten Anstoß erregt. Bei Kieseritzky ist es immer ein vergifteter Apfel mit einer zum Reinbeißen verlockenden roten Backe, von dem es schon im Märchen von Schneewittchen heißt: "Der Apfel war aber so künstlich gemacht, daß der rote Backen allein vergiftet war."

In der Erzählung "Pro loco oder Das Stilleben" ist der Apfel ein Loch. Eine Reisegesellschaft, mit Pferd und Kamel im Sudan unterwegs, erwartet den Anblick eines heiligen Berges, findet bei der Ankunft aber nur ein Loch. Der Erzähler, ein Restaurator und Kopist von Stilleben, dessen Sinn natürlich nach einem Stilleben stand, fand ein solches vor. Seine Begleiter und Begleiterinnen, zumeist touristisch bewegte Intellektuelle, gaben der nicht erwarteten simplen Naturerscheinung die höhere Weihe: Auch ein Loch gehöre zu den Topoi des Erhabenen, ja das Erhabene als solches sei eine Art Loch, sozusagen "eine symbolische Lücke als Un-Ort im Gegebenen selbst" - und träte dann nicht aus der Lichtung des Loches die "Idee" hervor?

Kieseritzkys philosophisch interpretiertes Loch ist vergiftet, den Interpreten ergeht es wie Schneewittchen. In allen Erzählungen Kieseritzkys, in denen der Autor dem Leser seinen appetitlichen Apfel präsentiert, beißt dieser in die giftige Hälfte. Das ist Kieseritzkys Absicht und das Schicksal des Lesers, in seiner Gier nach Sensationen dem Rattenfänger in die Falle zu hüpfen: Kieseritzky geht noch weiter. Kunsthistoriker Sulkow, der Erfinder dieser Außerwirklichkeit des Lochs, stirbt am Ort des Ereignisses und bietet dem Portraitisten anstelle des realen Lochs sich selbst als vermenschlichtes Stillleben an: "Sulkows Körper lag in seiner Masse auf dem Klappstuhl. Sein Mund war geöffnet, als plane er noch einen Sprechakt über die Topoi des Erhabenen."

In dieser Erzählung aus dem Band "Unter Tanten und andere Stillleben" befindet sich Kieseritzky auf der Höhe seiner Kunst. Alles, was er zuvor geschrieben hat, scheint mir in dieser Erzählung zu kulminieren.

Eine erfundene, doch wissenschaftlich anmutende Denkweise nimmt den Welträtseln ihre übersinnliche Dimension und demaskiert sie in ihrer verblasenen Leere. Es ist das Steckenpferd des Nihilisten Kieseritzky, sich in metaphysische Spekulationen zu verlieren, um das Metaphysische auf einen scheinbar plausiblen Boden der Tatsachen herunterzuholen.