Unter dem klaren Himmel treiben langsam einige kleinere Eisberge in dem tiefblauen Wasser des Fjordes. Am anderen Ufer erheben sich die kahlen, schneebedeckten Berge Nordlands in ihrer herben Schönheit. In der Ferne sind zwei Wale auszumachen, die periodisch Wasserfontänen in die Luft blasen. Idylle total. Der Blick landeinwärts ist weniger idyllisch. Große, graue Wohnungskomplexe, die wegen der Kälte auf Betonstelzen gebaut wurden, ziehen sich über die Anhöhe. Die Farbe auf den roten Holzkonstruktionen der Balkone und Verbindungsgänge blättert überall ab. Zwei Geländefahrzeuge gleiten vorsichtig die vereiste Straße hinab.

In den Straßen der grönländischen Hauptstadt Nuuk ist von Eskimo-Romantik nichts mehr zu sehen. Nuuk ist eine moderne Stadt mit 13 000 Einwohnern, geprägt von den Segnungen des dänischen Wohlfahrtsstaates.

Die schwere Wirtschaftskrise Anfang der neunziger Jahre ist überwunden, das grönländische Bruttosozialprodukt wuchs im vergangenen Jahr mit stolzen fünf Prozent, und 1996 wird mindestens genausogut.

Dennoch ist nicht zu übersehen, daß Nuuk auch von schweren sozialen Problemen gezeichnet ist. Vor dem Eingang des Supermarktes "Brugsen" treffen sich jeden Tag rund zwei Dutzend Arbeitslose, stehen in der Kälte und trinken Bier. Sozialarbeiter berichten von überforderten jungen Müttern, die ihre Babys an Bekannte oder Verwandte verschenken.

Später bereuen sie ihren Entschluß und wollen das Kind wiederhaben.

In der Kleinstadt Ammassalik wurde kürzlich eine Kinderherberge eröffnet. Tagsüber können die Kinder dort zum Spielen kommen, und am Wochenende und an Lohnzahltagen, wenn der Alkoholkonsum sprunghaft ansteigt, können sie dort übernachten.

Noch vor fünfzig Jahren lebten die meisten Grönländer vom Walroß- und Seehundfang, beinahe völlig abgeschieden von der Welt. Die Kolonialmacht Dänemark mischte sich kaum ein. Was die Dänen für die Verwaltung und einige Schulen ausgaben, kam durch die Ausbeute der Kryolithmine bei Ivittut wieder in die Kasse. Doch in den fünfziger Jahren beschloß man in Kopenhagen, daß Grönland ein gleichrangiger Bestandteil des modernen Dänemarks werden sollte.